Warum wir Hunde lieben und Schweine essen | Vegane Gesellschaft Österreich

Warum wir Hunde lieben und Schweine essen

16.05.2014

Sozialpsychologin deckt sogenannten „Karnismus“ auf

Wir lieben Tiere. Wir sorgen uns um ihr Wohlbefinden. Und dennoch töten und essen wir sie. Die amerikanische Sozialpsychologin Dr. Melanie Joy hat diesem widersprüchlichen Verhalten erstmals einen Namen gegeben: Karnismus.

Stellen Sie sich vor, Sie sind bei Freund_inn_en zum Abendessen eingeladen. Ihre Gastgeberin ist berühmt für ihre Spaghetti mit Bolognese-Sauce. Und sie tischt Ihnen ein Gericht auf, das Ihnen das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Stellen Sie sich vor, dass Ihnen das Gericht so gut schmeckt, dass Sie die Gastgeberin nach dem Rezept fragen. Und geschmeichelt sagt diese Ihnen: „Nun, das Geheimnis liegt im Fleisch. Man benötigt dazu etwa 500 Gramm besonders zartes Labrador-Hundefleisch.“

Warum den einen streicheln ...
Warum den einen streicheln …

Nehmen Sie sich einen Moment Zeit, um über Ihre Gedanken und Gefühle nachzudenken. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass das, was Sie eben noch lecker fanden, in Ihnen nun Ekel erweckt. Das, was sie eben noch als Fleisch betrachteten, sehen sie nun als ein Stück totes Tier.

Ohne Bewusstsein gibt es keine freie Entscheidung

Dieses Gedankenexperiment stammt von der amerikanischen Sozialpsychologin Dr. Melanie Joy. Laut Joy gibt es, wenn es um das Thema Tiere essen geht, eine Lücke in unserem Bewusstsein, die uns nicht nur dazu bringt, dass wir nicht mehr die Verbindung zwischen Fleisch und lebendem Tier herstellen, sondern auch unsere authentischen Gedanken und Gefühle beim Fleischkonsum blockiert. Und wenn wir uns der Realität des Fleisches sowie unserer authentischen Gedanken und Gefühle nicht bewusst sind, dann ist uns auch nicht bewusst, dass wir eine Wahl haben. Diese Lücke in unserem Bewusstsein beraubt uns also der Fähigkeit, freie Entscheidungen treffen zu können. Denn ohne Bewusstsein gibt es keine freie Entscheidung.

Tatsächlich stufen Menschen in sämtlichen Fleisch essenden Kulturen nur eine kleine Hand voll an Spezies als essbar ein. Bei allen anderen Spezies lernen wir, sie als nicht essbar und deswegen den Konsum ihrer Körper und Körperprodukte (Milch und Eier) als ekelhaft zu empfinden. Auffallend ist also nicht die Anwesenheit von Ekel. Ekel ist vielmehr die Regel als die Ausnahme. Auffallend ist vielmehr die Abwesenheit von Ekelgefühlen. Warum empfinden wir keinen Ekel bei den 6, 7, 8, vielleicht 9 Spezies, bei denen wir gelernt haben, sie als essbar einzustufen?

Diese Lücke in unserem Bewusstsein nennt Joy in ihrem Buch „Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen” „Karnismus“. Es handelt sich dabei, in Anlehnung an die Begriffe Vegetarismus und Veganismus, an ein Überzeugungssystem oder eine Ideologie, die uns daran gewöhnt, (bestimmte) Tiere zu essen. Im Gegensatz zu Veganismus ist Karnismus jedoch eine ganz spezielle Ideologie. Es ist einerseits eine dominierende Ideologie, d. h. eine Ideologie, die tief in unserer Gesellschaft verwurzelt ist. Und andererseits ist es auch eine gewaltvolle Ideologie, denn Fleisch kann nicht ohne das Töten von Tieren hergestellt werden. Und gewaltvolle und dominierende Ideologien wie Karnismus benutzen ein Set aus sozialen und psychologischen Abwehrmechanismen, die es uns ermöglichen, an Praktiken teilzunehmen, die wir eigentlich niemals unterstützen würden, ohne dabei vollständig zu realisieren, was wir tun.

... aber den anderen essen?
… aber den anderen essen?

Unbewusste Abwehrmechanismen betäuben unser Mitgefühl

Diese Abwehrmechanismen lassen sich grob in drei Kategorien einteilen. Der erste Abwehrmechanismus ist Leugnung, die sich in Unsichtbarkeit äußert. Obwohl wir ständig von Fleisch umgeben sind, sehen wir die lebenden Tiere praktisch niemals lebendig. Die Macht dieser Unsichtbarkeit wird einem ganz schnell bewusst, wenn man sich die Zahlen vor Augen führt: Rund 14.000 Nutztiere werden in der EU jede einzelne Minute getötet. Das macht pro Jahr eine gewaltige Zahl von 7,5 Milliarden Tiere. Wieso bekommen wir diese Tiere fast nie zu Gesicht?

Der zweite Abwehrmechanismus ist Rechtfertigung durch die sogenannten „drei Ns der Rechtfertigung“: Tiere essen ist normal, natürlich, notwendig. Dabei merken wir meist nicht, dass es sich um Mythen handelt und wir hier eigentlich nie die Realität objektiv betrachten, sondern durch die karnistische Brille. Zum Beispiel betrachten wir beim Natürlichkeitsargument nie unsere pflanzenessenden Vorfahren, sondern deren fleischessende Nachfahren. Anders ausgedrückt: Wir gehen nur so weit in der Geschichte zurück, wie wir benötigen, um unsere momentanen Praktiken zu rechtfertigen.

Der dritte Abwehrmechanismus ist Wahrnehmungsverzerrung. Zum Beispiel lernen wir, Tiere in einzelne Kategorien zusammenzufassen, so dass wir sehr unterschiedliche Gefühle und Verhaltensweisen gegenüber verschiedenen Spezies praktizieren können (Hunde streicheln, Schweine essen). Oder wir betrachten Nutztiere als Eigentum, als Objekte, anstatt als Lebewesen. In der Industrie gibt man ihnen Nummern anstatt Namen.

Ohne diese größtenteils unbewusst wirkenden Abwehrmechanismen wäre es uns überhaupt nicht möglich, Tiere zu essen. Denn die gute Nachricht ist: Wir sorgen uns um das Wohl von Tieren. Es ist uns nicht egal. Und Karnismus ist abhängig von unserer Gleichgültigkeit und unserer Täuschung. Warum sonst bräuchten wir all diese psychologischen Tricks, wenn es nicht wegen unserer Sorge wäre?

Rassismus, Sexismus, Karnismus?

Doch Joy geht in ihrer Theorie noch weiter: Die gleichen Abwehrmechanismen finden sich laut ihr auch in anderen gewaltvollen Ideologien wieder, wie zum Beispiel dem Rassismus oder dem Sexismus. So wurden auch Sklaven als Eigentum, als Objekte betrachtet. Oder man argumentierte, dass es eine natürliche Hierarchie zwischen weißen und farbigen oder zwischen heterosexuellen und homosexuellen Menschen gebe. Auch das Unglück der Frauen blieb lange Zeit unsichtbar, da sie aus dem öffentlichen Leben (Universitäten, Politik, Berufsleben) verbannt wurden.

Und gerade deswegen sei das Essen von Tieren eben nicht nur eine Sache der persönlichen Moral. Es ist das unausweichliche Endresultat eines tief verwurzelten Unterdrückungssystems. Tiere essen ist ein Thema von sozialer Gerechtigkeit.

„Ungerechtigkeit irgendwo ist eine Gefahr für Gerechtigkeit überall“, sagte einst Martin Luther King Jr. Aber das Gegenteil davon stimmt ebenfalls: Gerechtigkeit irgendwo ist eine Bedrohung für Ungerechtigkeit überall. Und Gerechtigkeit, genauso wie Mitgefühl, ist kein abstraktes Konzept. Es ist etwas, das man praktizieren kann. Zum Beispiel in einem Gerichtssaal, manchmal zumindest. Auf den Straßen einer Großstadt anlässlich einer Demonstration. Und man kann Gerechtigkeit auf dem Teller praktizieren.

Dr. Melanie Joy

Melanie Joy ist Professorin für Psychologie und Soziologie an der Universität Massachusetts in Boston. Die promovierte Sozialpsychologin und Harvard-Absolventin engagiert sich seit 20 Jahren in der Tierrechtsbewegung und berät Aktivist_innen auf der ganzen Welt zu Themen wie effektive Interessensvertretung, gewaltfreie Kommunikation und Strategien für gesellschaftlichen Wandel.

Linktipp:

Carnism Awareness and Action Network

Jeff Mannes, Carnism Awareness and Action Network
Fotos: Eric Isselée, Anatolii - Fotalia.com