Virtueller Flächenhandel und die Rolle der Sojabohne in Südamerika | Vegane Gesellschaft Österreich

Virtueller Flächenhandel und die Rolle der Sojabohne in Südamerika

29.04.2017

Die meisten Österreicher_innen essen gerne und viel Fleisch – 65 Kilogramm pro Jahr und Kopf um genau zu sein. Um diesen Hunger nach Fleisch stillen zu können, werden alleine in Österreich jährlich über 5,4 Millionen Schweine, beinahe 700.000 Rinder und über 83 Millionen Hühner getötet. Um Millionen von Tiere ernähren zu können, sind riesige Mengen an Futtermitteln nötig. Diese Menge übersteigt bei weitem die Produktionskapazität Österreichs und so werden im großen Stil Futtermittel importiert, vorwiegend aus Südamerika. Der Anbau von Futtermittel belastet nicht nur die Umwelt, sondern hat oft auch verheerende sozioökonomische Auswirkungen. Soja und Getreide zählen zu den beliebtesten Futtermitteln und von der Weltproduktion landen etwa 50 % des Getreides und 90 % des Sojas in den Futtertrögen von Tieren, die meist in reichen Industriestaaten zu Hause sind.

Foto: Tiago Fioreze, Lizenz: CC BY-SA 3.0.
Foto: Tiago Fioreze, Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Virtuelle Flächenhandel – Was ist das?

Für die Produktion unserer Güter wird Land benötigt. Land, das nicht notwendigerweise auf österreichischem Boden liegen muss. Als virtuelles Land bezeichnet man Land, das außerhalb des Staatgebiets liegt, aber für die eigene Güterproduktion verwendet wird. Der virtuelle Flächenimport der EU beträgt 30 Millionen Hektar Land. Auf einer Fläche, die so groß ist wie Österreich, Tschechien, Ungarn und die Slowakei zusammen, wird vorwiegend Soja zu Futterzwecken angebaut. Diese Fläche befindet sich, wie der Name „Flächenimport“ schon besagt, nicht in der EU, sondern in anderen Ländern. Mit Abstand die meisten liegen in drei südamerikanischen Ländern: Brasilien, Argentinien und Paraguay (33 %, 25 % bzw. 3 % der Flächenimporte). Die Sojabohne hat sich zu einer der wichtigsten Nutzpflanzen entwickelt und deren Produktion hat sich seit den 1960er-Jahren mehr als verzehnfacht, um die Nachfrage nach Alternativkraftstoffen und vor allem nach Futtermitteln befriedigen zu können. Der direkte Konsum von Soja ist weiterhin äußerst gering und beträgt ca. 1 %.

Futtermittelimporte – Südamerikanisches Soja in den Mägen europäischer Tiere

Die Zusammensetzung der Futtermittel ist unter anderem abhängig von Art und Alter der Tiere, der Landwirtschaftspraktik (konventionell oder biologisch) und dem Standort. Im Futter von Rindern ist meist weniger Soja enthalten (ca. 10 %), wohingegen Schweine und Hühner viel Soja zum Essen bekommen (über 20 % bzw. 33 %). Die EU ist nicht nur größter Exporteur von Agrargütern, sondern auch der größte Importeur von agrarischen Rohstoffen. Die hohe Produktion von tierischen Lebensmitteln ist nur aufgrund der Futtermittelimporte möglich. Diese Importe führen zu einer Trennung von Futtermittelanbau und Tierhaltung. So werden lokale Nährstoffkreisläufe durchbrochen. In Europa bilden sich Regionen von Nährstoffüberschuss: Durch die Massentierhaltung fallen enorme Mengen an Gülle an, die aufgrund fehlender Ackerflächen nicht in den Nährstoffkreislauf integriert werden können. Auf den südamerikanischen Monokulturplantagen zum Futtermittelanbau hingegen kommt es zu einem Nährstoffmangel, welcher den Einsatz von Mineraldünger erfordert.

Flächenbedarf – Europas große Abhängigkeit von anderen Kontinenten

Weltweit wird etwa ein Drittel der Ackerflächen für den Anbau von Tierfutter verwendet. Somit ist die Tierhaltung der größte Landnutzer weltweit. Zur Ernährung des_der Durchschnittseuropäer_in werden jährlich 1,3 Hektar benötigt – eine Landfläche, welche die Kapazität bei weitem übersteigt und so liegen 60 % der Landwirtschaftsflächen außerhalb Europas. Kein anderer Kontinent ist so stark von Land außerhalb seiner eigenen Grenzen abhängig. Der Flächenbedarf zur Herstellung von tierischen Lebensmitteln ist stark abhängig von Tier- und Futtermittelart und Landwirtschaftspraktik. So wird etwa für ein Kilogramm Rindfleisch zwischen 27 und 49 Quadratmeter Fläche benötigt. Der Großteil entfällt hierbei auf den Futtermittelanbau. Auch für einzelne Speisen lässt sich der Flächenfußabdruck berechnen: Ein Hamburger mit Salat und Pommes benötigt eine Fläche von 3,61 Quadratmeter, wobei beinahe zwei Drittel der Fläche alleine auf das Fleischlaibchen entfallen. Vegane Speisen wie Pasta mit Tomatensauce benötigen wesentlich weniger Fläche (0,46 Quadratmeter).

Ökologische Auswirkungen – Klimawandel, Artensterben und Bodenunfruchtbarkeit

Fruchtbarer Boden ist nicht nur die Grundlage unseres Lebens, sondern geht auch rasant verloren. Die argentinischen und paraguayischen GranChaco-Trockenwälder und brasilianischen Cerrado-Savannen und Amazonas-Regenwälder sind am stärksten von den Waldrodungen betroffen. Durch diese werden in kürzester Zeit enorme Mengen Kohlendioxid in die Atmosphäre geblasen und so wird dem Klimawandel weiter eingeheizt. Durch die Zerstörung der Lebensräume zahlreicher Pflanzen- und Tierarten geht die Biodiversität drastisch zurück. Der Monokulturanbau von Soja und hohe Pestizid- und Mineraldüngereinsatz laugt den Boden in kürzester Zeit aus und macht ihn unfruchtbar. Durch den Verzicht auf Fleisch würden enorme Landflächen freigesetzt werden, die zur Lebensmittelproduktion für Menschen verwendet oder zum Schutz der Umwelt aufgeforstet werden könnten. Würde sich etwa der Fleischkonsum Europas halbieren, würden 35 Millionen Hektar Land weniger benötigt werden. Dies entspricht der vierfachen Fläche Österreichs!

Soziale Auswirkungen – Landlosigkeit, Armut und Hunger

Landbesitz ist global sehr ungleich verteilt, ein starkes Gefälle zwischen Reichen und Armen, Männern und Frauen ist bemerkbar. Die enormen Sojaimporte verursachen schwerwiegende soziale Probleme in Südamerika, denn die Waldrodungen und der Futtermittelanbau stehen meist in Verbindung mit sogenanntem „Land Grabbing“: Ausländische Investoren kaufen Land, die lokale Bevölkerung wird enteignet oder gering finanziell entschädigt und verliert ihr Land. Als Wertanlagen sind längst nicht mehr nur Bauland und Immobilien attraktiv, sondern auch Ackerland. Die rasant steigende Nachfrage nach Ackerland hat dessen Preis in die Höhe schnellen lassen. Viele Einheimische können sich einen Landkauf nicht mehr leisten. Laut Schätzungen sind 10-30 % der globalen Ackerflächen von Land Grabbing betroffen. Mit dem Landverlust wird die Existenz bedroht, denn der Boden zum Anbau von Lebensmitteln fehlt. Der enorme Futtermittelanbau führt nicht nur zu Landlosigkeit und verschärft so die Armutsproblematik, sondern treibt auch die Weltmarktpreise für diese Pflanzen in die Höhe. Millionen Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern bauen Pflanzen an, die sie sich selbst nicht leisten können, die Europa für ihre Kühe, Schweine und Hühner importiert. Der globale Hunger steht somit in einem starken Zusammenhang mit der Tierhaltung.

Fleisch – Ein Paradebeispiel der globalisierten Wirtschaft

Fleisch kann in den wenigsten Fällen mehr als rein lokales Produkt angesehen werden. Es wird mehr und mehr zu einem Paradebeispiel einer globalisierten und kostenminimierenden Wirtschaftsweise: Südamerikanisches Soja wird an europäische Tiere verfüttert, die oft einen stundenlangen Transport bis zu deren Tötung im Schlachthaus überstehen müssen. In Europa wird ein nicht unerhebliches Teil des Fleisches dann nach Asien exportiert und Deutschland rühmt sich seines Titels als Exportweltmeister. Trotz sinkender innerstaatlicher Nachfrage produziert Deutschland mehr Fleisch als je zuvor. Denn was nicht im Inland abgesetzt werden kann, wird ins Ausland, vor allem nach China, verkauft.