Für den menschlichen Nutzen missbraucht | Vegane Gesellschaft Österreich

Für den menschlichen Nutzen missbraucht

30.05.2017

Die Haltung von Kuh, Schwein, Huhn und Co

Seit 2005 hat Österreich ein Tierschutzgesetz auf Bundesebene, 2013 folgte die Staatszielbestimmung Tierschutz. Die Republik Österreich bekannte sich zum Tierschutz und verankerte diesen in der Verfassung. Zunächst sieht dies gut, fortschrittlich, wenn nicht sogar so aus, als ob alle Tiere in Österreich ein artgerechtes, geschütztes Leben führen dürften. Ein kurzer Blick in das Tierschutzgesetz und die Haltungsbedingungen der meisten Tiere holt eine_n schnell auf den Boden der Tatsachen zurück: Tiere werden zum Nutzen der Menschen gehalten, deren Lebensbedingungen werden nicht nach deren Bedürfnissen, sondern nach ökonomischen Interessen gestaltet.

Einteilung der Tiere nach dem Gesetz (§4 TSchG)

  • Haustiere: domestizierte Tiere der Gattungen Rind, Schwein, Schaf, Ziege und Pferd
  • Heimtiere: Tiere, die als Gefährten oder aus Interesse am Tier im Haushalt gehalten werden
  • Wildtiere: alle Tiere außer den Haus- und Heimtieren
  • Landwirtschaftliche Nutztiere: alle Haus- und Wildtiere, die zur Gewinnung tierischer Erzeugnisse gehalten werden

Verbot von Tierquälerei, Tötung und Eingriffen – Je nach Tierart und Nutzungsabsicht

Tierquälerei ist laut Gesetz verboten: „Es ist verboten, einem Tier ungerechtfertigt Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen oder es in schwere Angst zu versetzen.“ Auch das Abverlangen von Leistungen, die mit Schmerzen, Leiden, Schäden oder schwerer Angst verbunden sind, ist verboten. All dies wird jedoch durch tierische Lebensmittel verursacht:

  • Für Fleisch werden unschuldige Lebewesen getötet. Die Tiere leben meist auf minimalster Fläche – bis sie ihr Schlachtgewicht erreicht haben und getötet werden.
  • Für Milch werden Kühe zwangsbefruchtet und Mutter und Kind kurz nach der Geburt getrennt, was unvorstellbares emotionales Leid verursacht.
  • Für Eier werden männliche Küken kürzeste Zeit nach dem Schlüpfen erstickt, geschreddert oder auf eine andere grausame Weise getötet.
  • „Legehennen“ und „Milchkühe“ werden getötet, sobald sie nicht mehr genügend Eier legen oder Milch geben und somit unwirtschaftlich werden.

Ebenso ist das Töten von Tieren „ohne vernünftigen Grund“ (§6 TSchG) verboten. Während Katzen und Hunde nie getötet werden dürfen (ausgenommen Euthanasie, um nicht behebbare Qualen zu vermeiden), werden bei sogenannten „Nutztieren“ große Ausnahmen gemacht: Schon deren Namen impliziert, dass sie vom Gesetzgeber nur für den menschlichen Nutzen bestimmt sind. Die Tötung von „Nutztieren“ ist nicht nur erlaubt, sondern deren Haltung ist auch darauf ausgerichtet.

Eingriffe sind bei Heimtieren verboten. Ausgenommen sind lebensnotwendige Eingriffe, Kastrationen und Sterilisationen. Somit ist das Schwanzkupieren bei Hunden und das Krallenziehen bei Katzen nicht erlaubt. Bei Nutztieren werden jedoch zahlreiche Eingriffe vorgenommen, um die Haltung einfacher zu machen und Verletzungen zu minimieren. Diese Verletzungen resultieren meist schlicht aus schlechten Haltungsbedingungen und zu hohen Bestandsdichten. Das Schnabelkürzen bei Küken, die Enthornung von Rindern, das Kastrieren von Ferkeln und das Schwanzkupieren bei Lämmern und Ferkeln ist nicht nur erlaubt, sondern wird auch meist ohne Narkose oder Schmerzbehandlung durchgeführt.

Ein Leben ohne Bewegung

Die Mindestanforderungen der Tierhaltung werden im Tierschutzgesetz und der Tierhaltungsverordnung definiert und betreffen Platzangebot, Bewegungsfreiheit, Bodenbeschaffenheit, Ausstattung der Unterkünfte, Licht, Temperatur, Betreuung, Ernährung und Sozialkontakt. Doch viele dieser Vorschriften missachten die Bedürfnisse der Tiere oder erlauben durch zahlreiche Ausnahmen tierquälerische Zustände.

Ständige Anbindehaltung ist bei Rindern seit 2005 verboten. Mindestens an 90 Tagen muss ihnen freie Bewegung möglich sein. An den restlichen 275 Tagen erlaubt der Gesetzgeber jedoch die Anbindung an Stangen oder mit Ketten im Stall. Viele Ausnahmen untermauern das Verbot und führen dazu, dass zahlreiche Betriebe weiterhin ihre Kühe 365 Tage im Jahr angekettet in den Ställen stehen lassen. In der Anbindehaltung müssen Rinder lediglich 60 cm in Längsrichtung und 40 cm in Querrichtung Bewegungsfreiheit haben. Die Anforderung ist, dass (Auf)Stehen und Liegen möglich sein muss. Die Kälber leben zwei Monate lang in Einzelbuchten, die je nach Alter knapp unter bzw. knapp über 1 m2 groß sind. Ab acht Wochen sollten sie in Gruppen leben, doch auch hier gibt es Ausnahmen, etwa wenn weniger als sechs Kälber gehalten werden.

Die grundlegenden Anforderungen an Schweineställe sind ebenso bescheiden: Schweinen wird meist nur Aufstehen und Hinlegen gewährt. In einem Kastenstand werden weibliche „Zuchtschweine“ auf engstem Raum umgeben von Metallstangen gehalten, nicht einmal ein Umdrehen ist möglich. Der Kastenstand ist 65 cm breit und 190 cm lang, also 1,2 m2 groß. Seit 2013 dürfen sie höchstens 206 Tage (!) im Jahr im Kastenstand gehalten werden. Das Verbot des Kastenstands hat eine lange Übergangsfrist – bis ins Jahr 2033. Weibliche „Zuchtschweine“ sind nach der Befruchtung und bis fünf Tage vor der Geburt in Gruppen zu halten. Dabei stehen einem Tier zwischen 1,5 m2 und 2,5 m2 Platz zur Verfügung. „Mastschweine“ führen ein „Leben“ auf noch engerem Platz: Ein Tier (mit einem Gewicht von 110 kg) hat 1 m2 Fläche. Würden wir auch nur so wenig Platz zum Leben haben, hätte ein Mensch mit einem Körpergewicht zwischen 50 und 85 kg 0,55 m2 Platz zur Verfügung – dies entspricht 9 A4-Blättern.

Krankes System – kranke Tiere

Kühe kämpfen mit Eutererkrankungen aufgrund unhygienischer Bedingungen und ständiger, maximaler Milchproduktion. Ihre Körper sind bald ausgelaugt und Fruchtbarkeitsstörungen machen sich breit. Hühner wurden so gezüchtet, dass sie innerhalb weniger Wochen ihr Schlachtgewicht erreichen. Ihre Körper halten dem rasanten Wachstum nicht stand, Knochenbrüche sind die Folge. Schweine leiden häufig an Gelenkserkrankungen und Lungenentzündungen, die sich durch die ständige Exposition mit deren Exkrementen entwickeln.

Unter immer wachsendem Preis- und Konkurrenzdruck verschlechtern sich nicht nur die Lebensbedingungen der Tiere massiv, sondern auch immer mehr Landwirte werden in den Ruin getrieben. Denn nicht nur in der Industrie schreitet die Industrialisierung voran, sondern auch in der Landwirtschaft: Melkroboter und automatische Fütterungsanlagen sind Standard im modernen Stall, erfordern jedoch hohe Anschaffungsinvestitionen, die meist nur große Landwirte und Landwirtinnen tätigen können.

Lebensmittelkonzerne geben Unsummen für Werbung aus, die Konsument_innen fröhliche, weidende Kühe, glücklich im Boden scharrende Hühner und süße, rosarote Babyschweine zeigt und vormacht, dies seien die Bedingungen unter denen Fleisch, Milch und Eier hergestellt werden. Konsument_innen haben keine Möglichkeit zu erkennen, ob die Produkte von kranken oder gesunden Tieren stammen. Schätzungen von Veterinärmediziner Matthias Wolfschmidt zufolge stammt ein Viertel der tierischen Lebensmittel von kranken Tieren – die Unterschiede zwischen biologischer und konventioneller Haltung diesbezüglich sind verschwindend gering.

Buchempfehlung „Das Schweinesystem“

Matthias Wolfschmidt
Das Schweinesystem: Wie Tiere gequält, Bauern in den Ruin getrieben und Verbraucher getäuscht werden

ISBN 978-3100025463
1. Auflage: September 2016
S. Fischer Verlag
240 Seiten
€ 18,50

„Das Schweinesystem“ des Veterinärmediziners Matthias Wolfschmidt ist ein aufklärerisch-informatives Werk und wagt einen Blick hinter die Kulissen der deutschen Tierhaltung. „Das System ist krank“ ist die zentrale Botschaft des Buches. Wolfschmidt erläutert auf bewegende Weise, unter welch qualvollen Bedingungen Rinder, Schweine und Hühner leben müssen. Seine Beschreibungen werden großzügig mit Zahlenmaterial hinterlegt und machen deutlich, dass Massentierhaltung kein Phänomen ist, das außerhalb von Österreich oder Europa stattfindet. Kranke Tiere und quälerische Haltungsbedingungen sind die Regel statt die Ausnahme - unabhängig ob sie konventionell oder biologisch gehalten werden. Ein Muss für alle, die sich für Tiere, Landwirtschaft und Ernährung interessieren!

Foto: Fotolia|dusanpetkovic1