Vorurteile und Argumente gegen Veganismus | Vegane Gesellschaft Österreich

Vorurteile und Argumente gegen Veganismus

20.07.2016

Aus vielen verschiedenen Gründen müssen sich Veganer_innen immer wieder mit Vorwürfen, Anschuldigungen und Diskussionen vonseiten ihrer omnivoren und auch vegetarischen Mitmenschen herumschlagen. Nicht selten wundert man sich dabei, welche Argumente eingeworfen werden, und man würde sich, als Veganer_in, lieber selbst auf die Stirn klopfen, als eine ernsthafte Antwort zu geben. Nichtsdestotrotz haben wir einige der besten (oder absurdesten) Aussagen gesammelt und Gegenargumente formuliert, die in einem Wortgefecht in dieser oder ähnlicher Form verwendet werden können.

Prinzipiell ist es ein guter Rat, sich zu überlegen, ob eine Diskussion überhaupt sinnvoll ist. Wenn die einzige Absicht des Gegenübers ist, jemanden zu ärgern und diese Person ein gewisses Amüsement dabei empfindet, ist ein konstruktives Gespräch sowieso nicht möglich. Je mehr man sich selbst darüber ärgert und sogar dadurch angegriffen fühlt, desto mehr geht es auf die eigenen Kosten. Manchmal ist die beste Lösung, sich einfach umzudrehen und zu gehen oder gekonnt das Thema zu wechseln.

Sollte jedoch die Möglichkeit zu einem konstruktiven Gespräch bestehen, hilft es, die entsprechenden Gegenargumente und Fakten parat zu haben. Im Folgenden haben wir einige gängige Aussagen von omnivoren Mitmenschen nach Kategorien gegliedert und mit möglichen Erwiderungen versehen.

Vier Menschen diskutieren.
Eine konstruktive Diskussion kann viel bewirken.

Tradition/Entwicklung des Menschen/Stellung des Menschen

Ein beliebtes Argument von Fleischesser_innen ist: “Was hätten denn die Leute früher gemacht? Die haben Fleisch ja auch gegessen.” Faktisch ist das nicht ganz richtig. Fleisch war immer ein rares Lebensmittel. Kaum jemand konnte es sich leisten, wenn nicht die eigenen Tiere geschlachtet wurden. Das geschah auch nur sehr selten. Die Leute mussten dann lange damit auskommen und haben alle Teile des Tieres verwertet. Das ist aber heutzutage nicht mehr der Fall. Die Vorstellung, dass die Menschen früher dauernd Fleisch gegessen haben, ist also falsch. Genauso hatten unsere Vorfahr_innen nicht das ganze Jahr über Erdbeeren, die wenigsten kannten Orangen und Zitronen und Bananen; Tomaten und vieles anderes gab es schon gar nicht im Winter. Die meisten Fleischesser_innen haben aber nicht das Bedürfnis, in dieser Hinsicht wie ihre Ahn_innen zu essen. Die Essgewohnheiten heutzutage unterscheiden sich also vielfach von früher. Eine fiktive Tradition und Kontinuität als Argument heranzuziehen, ist daher nur romantisierend, aber keinesfalls gerechtfertigt.

“Der Mensch ist nur so intelligent geworden, weil er begonnen hat, Fleisch zu essen.” Diesem Argument liegt die Auffassung zugrunde, dass ein größeres, besser ausgebildetes Gehirn einen erhöhten Energieverbrauch hat, der nur durch Fleischkonsum gedeckt werden kann. Tatsächlich scheint die Hirnentwicklung des Menschen aber mit der Fähigkeit, stärkehaltige Gemüsesorten und Knollen besser verdauen zu können zusammenzuhängen. Die Erhöhung der Konzentration des Enzyms Amylase im Speichel und die Entdeckung des Kochens haben zu einer leichteren Verwertbarkeit der Stärke geführt, wodurch die Nährstoffe leichter aufgeschlossen und damit besser verwertet werden konnten. Der Fleischkonsum bei unseren prähistorischen Vorfahr_innen dürfte sogar eher gering gewesen sein, da die Jagd sehr energie- und zeitraubend und selten von Erfolg gekrönt war.

“Beim Menschen haben sich Reißzähne herausgebildet, weil er Fleisch essen muss.” Es ist jedoch ein Trugschluss, dass vom Gebiss auf die ideale Ernährungsform gefolgert werden kann. Die Ernährungsform hängt nämlich von der Umwelt ab, wodurch schnelle Anpassung notwendig ist, während das Gebiss viel länger braucht, um sich zu verändern. Anatomisch gesehen hat der Mensch keine Reißzähne, sondern Eck- bzw. Fangzähne. Bei Hunde- und Katzenartigen spricht man von Reißzähnen. Übrigens: Der Gorilla hat dolchartige Fangzähne, ist aber reiner Pflanzenfresser.

Veganer_innen sind nicht weltfremd. Wie der Theologe Kurt Remele in seinem Buch “Die Würde des Tieres ist unantastbar” schreibt, geht es beim Veganismus nicht darum, einer armen Familie in einem armen Land die letzte Ziege wegzunehmen oder den Menschen in subpolaren Gebieten ihre Nahrung zu verbieten. Es geht darum, dass es in unseren Breiten ohne jegliche Einschränkungen und Mängel ganz leicht möglich ist, auf tierleidfreie, pflanzliche Alternativen zurückzugreifen.

Gesundheit/Ernährung

“Vegan ist einseitig und nicht gesund.” Immer wieder lassen sich Nicht-Veganer_innen darüber aus, dass eine rein vegane Lebensweise ja nicht gesund sein kann. Prinzipiell muss an dieser Stelle gesagt werden: Jede einseitige Ernährungsweise ist nicht gesund. Sowohl Fleischesser_innen als auch Veganer_innen können Mangelerscheinungen bekommen, wenn sie sich nicht ausgewogene ernähren. Deshalb ist es wichtig, sich über den Gehalt von Vitaminen und Mineralstoffen in den Lebensmitteln zu informieren. Auch Eiweiß ist in veganen Lebensmitteln wie Soja, Linsen und anderen Hülsenfrüchten, Amaranth und Quinoa, Haferflocken, Nüssen und Chiasamen ausreichend vorhanden.

Eine weiteres beliebtes Argument lautet: “Soja ist ungesund, weil es so viele weibliche Hormone enthält.” Dahinter verbirgt sich gerade bei Männern oft die Angst, sogenannte man boobs (Männerbrüste) zu bekommen. Hier kann Entwarnung gegeben werden: Entgegen überholter Vermutungen sind die in Soja enthaltenen Phytoöstrogene in normalen Verzehrmengen unbedenklich. (Diese sind übrigens auch in beträchtlicher Menge in Bier enthalten, aber darüber denkt kaum ein_e Fleischesser_in nach.)

Weiters hört man immer wieder: “Ohne Fleisch hat man keine Kraft (zum Arbeiten).” Komisch, dass es dann so viele Hochleistungssportler_innen (Gerlinde Kaltenbrunner, Brendan Brazier, Scott Jurek, Venus Williams, Timo Hildebrand) gibt, die sich entweder ausschließlich oder während Intensivtrainingsphasen vegan ernähren. Wieso sollte dann eine vegane Ernährungsweise nicht für alle Menschen ausreichend Nährstoffe liefern können? Darum ist es wichtig, auf eine ausgewogene vegane Ernährung zu achten.

Speisen/Lebensmittel/Kochen

“Veganes Essen schmeckt nach nichts.” Dieses Argument hat dann seine Richtigkeit, wenn man von dem Gemüse, dass man meist im Wirtshaus bekommt, ausgeht. Das ist nämlich - wenn überhaupt - nur gesalzen. Solche Beilagen sind im Großteil der Fälle eher geschmacklos. Anders sieht es aber mit veganen Speisen von gekonnten Köch_innen aus. Diese werden so zubereitet, dass einerseits der natürliche Eigengeschmack der Zutaten unterstrichen wird, andererseits kommen wohlschmeckende Gewürze zum Einsatz, die das vegane Gericht verfeinern. Wer findet, dass veganes Essen nach nichts schmeckt, sollte sich mal von jemandem einladen lassen, der_die gut vegan kochen kann. Denn genauso schmeckt nicht-veganes Essen nach nichts, wenn der_die Koch_Köchin nicht weiß, wie etwas zubereitet gehört.

Viele köstliche Rezepte finden sich in unserer VEGAN.AT-Rezeptdatenbank und in den von uns rezensierten Kochbüchern. Genauso gibt es unterwegs eine Vielzahl an Möglichkeiten, lecker speisen zu können. Beim Finden eines Lokals hilft unsere Restaurantsuche. Im Artikel “Vegan für Einsteiger_innen” besprechen wir, wie man unterwegs leicht etwas Veganes bekommt.

Ein Vorwurf, der leider allzu oft vorgebracht wird, lautet: “Veganer_innen sollen keinen Fleischersatz essen, wenn sie schon auf Fleisch verzichten wollen.” Meist folgt dann noch, dass es unnatürlich wäre, Fleischersatzprodukte in Würstl- oder Schnitzelform herzustellen bzw. wie Fleisch zuzubereiten. Dabei wird gern vergessen, dass Würstl ebenso wenig die natürliche Form von Fleisch sind. Tiere sind nämlich die natürliche Fleischform.

“Vegane Produkte sind immer stark verarbeitet und unnatürlich.” Die Antwort: “Lies mal nach, was alles in Wurst enthalten ist.” Selbstverständlich bedeutet vegan nicht gleich gesund. Fertiggerichte und industriell hergestellte Lebensmittel unterscheiden sich zwar in ihrem Verarbeitungsgrad, doch dies trifft ebenso auf nicht-vegane Gerichte. Wer sich bewusst ernähren will, sollte immer die Augen offen halten, Zutatenlisten lesen und stark verarbeitete sowie Fertigprodukte nur in Maßen genießen.

Tierhaltung

”Kühe müssen gemolken werden.” Interessant ist, wie viele Menschen der Meinung sind, dass man Tieren einen Gefallen tut, wenn man sie melkt, ihnen die Eier wegnimmt, sie für Wolle schert und ihren mühsam gesammelten Honig, also ihr Nahrungsmittel, stiehlt. Aus diesem Grund fallen viele beliebte Argumente in diesen Bereichen. Dabei gilt es doch zu bedenken: Genauso wenig wie eine menschliche Frau ist eine Kuh dazu gemacht, ununterbrochen Milch zu geben. Hennen werden hochgezüchtet, um so viele Eier zu legen. Auch das ist nicht natürlich. Keine Vogelart, auch keine wildlebenden Hühner produzieren so viele Eier. Genauso ergeht es Schafen. Und was mit den Bienen geschieht, ist schlicht und einfach unfair. Wie könnte es nur gerecht sein, ihren Honig zu nehmen und ihnen dafür über den Winter Zuckerwasser zu geben?

Am Fleisch ist ebenfalls ganz und gar nichts mehr natürlich. Hormone, Medikamente, Antibiotika. Das kommt in keinem “natürlichen” Stück Fleisch in dieser Menge vor. Einmal ganz davon abgesehen, dass die Haltungbedingungen alles andere als “natürlich” sind.

Eines unserer Lieblingsargumente lautet: “Ich esse ja eh nur Bio-Fleisch/-Eier/-Milch.” Am besten sollte dann gleich nachgehakt werden: “Schaust du darauf, dass auch das Fleisch im Restaurant aus Bio-Haltung ist? Wie hoch ist tatsächlich der Bio-Anteil deines Fleischkonsums? Ist das Fleisch in deinen Fertiggerichten bio? Wie stellst du sicher, dass die Eier, die in Produkten enthalten sind, nicht aus Käfighaltung im Ausland stammen?” Oft denken die Leute nämlich nur darüber nach, was sie zuhause machen und wenn sie selbst etwas zubereiten, nicht jedoch, wie sie außerhalb handeln und was in Fertigprodukten enthalten ist. Genauso verhält es sich mit dem Argument “Ich esse eh nur Bio-Eier oder Eier aus Freilandhaltung.” Diese Menschen konsumieren genauso Eier in Gebäck, Mehlspeisen und anderen Produkten, wo diese enthalten sind. Dass es sich dabei aber kaum um Bio-Eier aus Freilandhaltung handelt, wird dabei nur allzu gern übersehen.

Wer glaubt, dass die grausamen Bilder der Massentierhaltung nur aus den USA stammen, während sich bei uns in Österreich die Tiere vergnügt auf der Weide herumtreiben, sollte auf die Website des Vereins gegen Tierfabriken schauen und sich vom Gegenteil überzeugen lassen.

Wirtschaftliches

„Veganer_innen treiben die Landwirt_innen in den Ruin.“ Je mehr Menschen vegan leben, desto geringer wird die Nachfrage nach Fleisch und anderen Tierprodukten. Das Problem ist nämlich, dass Kapitalismus und Ethik selten etwas miteinander zu tun haben.

Wir möchten dies anhand eines historischen Beispiels illustrieren: Der Sklavenhandel war über sehr lange Zeit hinweg ein äußerst lukratives Geschäft. Sklav_innen wurden unter widrigsten Umständen „gehalten“, schlecht behandelt und ausgebeutet. Die Abschaffung der Sklaverei aus ethischen Gründen war dazumals ebenfalls mit finanziellen Einbußen verbunden (wobei die Sklaverei leider noch nicht überall ihr Ende gefunden hat). Hätte deshalb der Sklavenhandel beibehalten werden sollen, weil die armen Sklavenhändler_innen dadurch in den finanziellen Ruin getrieben wurden? Nein. Sollte folglich die finanzielle Situation der Landwirt_innen über das Wohl der Tiere gestellt werden? Nein.

Ein anderes Beispiel: Heute sind die gesundheitsschädlichen Effekte des Tabakkonsums weitreichend bekannt. Die wenigsten würden jedoch die armen Tabakerzeuger_innen beweinen, die durch zurückgehenden Zigarettenkonsum finanzielle Einbußen erleiden.

Fazit: Dass der sich verbreitende Veganismus finanzielle Einbußen für Produzent_innen von Tierprodukten bedeutet, kann natürlich nicht von der Hand gewiesen werden. Dass dies aber für manche ein Argument gegen den Veganismus ist, ist ein klares Beispiel für Karnimus, d. h., dass der Konsum von Tierprodukten als normal gilt und nicht hinterfragt wird. Die ethischen Dimensionen und Auswirkungen des Veganismus sollten jedoch eindeutig Vorrang vor dem finanziellen Wohl der Tiere ausbeutenden Industrie haben.

Umwelt

In vielen Köpfen herrscht der Irrglaube, dass der Amazonas-Regenwald wegen Veganer_innen für deren Soja abgeholzt wird. Traurige Realität ist, dass etwa 85 % der weltweiten Sojaproduktion nicht für die Ernährung von Menschen verwendet wird, sondern als Futtermittel für sogenannte „Nutztiere“, um im Anschluss deren Fleisch zu verzehren. In den letzten 50 Jahren hat sich die Sojaproduktion vorwiegend wegen des steigenden Fleischkonsums und Verbots der Verfütterung von Tiermehl (BSE-Skandal) verzehnfacht. In den USA, Brasilien und Argentinien werden etwa 83 % aller Sojabohnen produziert und dies beinahe fast ausschließlich mit gentechnisch verändertem Saatgut. Da gentechnisch veränderte Lebensmittel in der EU nicht direkt konsumiert werden dürfen, können diese nur als Tierfutter enden und werden keinesfalls für Veganer_innen importiert. In Österreich erhältliche Sojaprodukte sind gentechnikfrei und werden meist in Europa produziert, etwa in der Donauregion, wo der Sojaanbau boomt.

Paradoxerweise begegnet man Aussagen wie ”Wenn alle Veganer wären, gäbe es keine Tiere mehr.” und ”Wir müssen Fleisch essen zum Erhalt der Artenvielfalt“ Weiters hört man immer wieder ”Wir tun Nutztieren damit einen Gefallen, dass wir sie essen, denn sonst würden sie nicht existieren.” Die mit Abstand meisten Tiere, die aufgrund von Milch, Eiern, Fleisch oder Ähnlichem gehalten werden, leben unter katastrophalen Bedingungen, die nicht im geringsten einer artgerechten Haltung entsprechen. Niemand tut einem anderen Lebewesen einen Gefallen, wenn man sie nur wegen deren Fleisch oder anderen Körperprodukten erzeugt und deren ohnehin traurigen Leben ein leidvolles Ende in Schlachthöfen setzt. Hier sei angemerkt, dass die Tötung von Tieren gleich brutal abläuft, egal ob das Tier konventionell oder biologisch gehalten wurde. Begriffe wie „humane Tötung“ sind eben nur Begriffe und existieren in der Realität nicht. Je nach Gesellschaft wird eine sehr überschaubare Anzahl an Tierarten gehalten, um deren Fleisch zu konsumieren. In Europa etwa Kühe, Schweine, Hühner, Puten, eventuell noch Kaninchen und Pferde. Das Töten und Essen anderer Tierarten ist verpönt (“Nahrungstabu”) und wird im Falle von Katzen und Hunden in Österreich sogar gesetzlich sanktioniert. Damit soll gesagt werden, dass eine verschwindend geringe Anzahl aller Tierarten vom Menschen gehalten wird – wären wir alle Veganer_innen, gibt es kein Indiz, dass die heute gehaltenen „Nutztiere“ aussterben, noch dass alle – insgesamt etwa 8,7 Millionen – Tierarten aussterben würden.

”Wenn ein Löwe ein Zebra jagt und tötet, soll auch der Mensch Tiere essen dürfen. Die Natur ist ohnehin grausam.” Karnivoren wie Löwen sind auf den Konsum von Fleisch angewiesen, der menschliche Körper hingegen ist sowohl fähig tierische, als auch pflanzliche Lebensmittel zu verwerten und muss deshalb nicht zwangsläufig Fleisch zugeführt bekommen. Das bequeme Einkaufen von Fleisch im Supermarkt – geschnitten, fertig abgepackt, damit möglichst wenig Ähnlichkeit mit einem lebenden Tier besteht – kann und soll nicht mit dem natürlichen Jagdverhalten von in der Wildnis lebenden Tieren gerechtfertigt werden.

”Veganer_innen essen meinem Essen das Essen weg.“ zählt bestimmt zu den Klassikern unter den Vorwürfen, mit denen Veganer_innen immer wieder konfrontiert werden. Eigentlich sollte die Phrase umformuliert werden zu „Fleischesser_innen essen anderen Menschen das Essen weg.“ Denn vier von fünf hungernden und unterernährten Kinder stammen aus Ländern, die Nahrungsmittel in andere Länder exportieren, damit diese als Futtermittel verwendet werden. So müssen etwa für die Produktion von einem Kilogramm Rindfleisch 16 kg Getreide verfüttert werden.

Ethik

Nicht nur im Bezug auf Tiere, sondern im Allgemeinen ist die Ethik ein heißdiskutiertes Themenfeld. Während sich einerseits Veganer_innen zumeist aus ethischen Gründen für ihren Lebensstil entscheiden und das Töten und Nutzen von Tieren als ethisch falsch empfinden, werden andererseits von Omnivoren immer wieder ethische Vorwürfe entgegengebracht.

“Veganer_innen haben mehr Mitgefühl für Tiere als für Menschen in Notsituationen, z.B. Hunger, Krieg, sklavenähnliche Arbeitbedingungen.” Die Frage ist nur: Warum sollten sich diese Bereiche gegenseitig ausschließen? Warum sollte man sich nur für Tiere oder nur für Menschen einsetzen können? Anders gesagt: Es wäre angebracht dieses Argument umzudrehen, um den Wahrheitsgehalt zu überprüfen: “Würde ich mich nicht für Tiere einsetzen und sie essen, würde das etwas an der Notlage der anderen Menschen ändern?” Die Antwortet lautet schlicht und ergreifend: Nein.

”Menschen sind intelligenter als Tiere, an der Spitze der Nahrungskette, …” Gerne wird eingebracht, dass der Mensch viel intelligenter als jedes Tier sei und deswegen das Recht hätte, mit dem Rest der Welt nach eigenem Gutdünken zu verfahren. Doch sollte es nicht ein Zeichen von Intelligenz sein, die eigenen Handlungen zu reflektieren und deren Konsequenzen abzuwägen? Ist es ein Zeichen von Intelligenz, empfindungsfähigen Wesen Schmerzen zuzufügen? Wohl kaum.

Dass das intelligentere und stärkere Individuum ein Recht darauf hätte, über andere frei zu verfügen, ist eine recht archaische Vorstellung. Es würde auch kaum jemand als richtig empfinden, weniger intelligente oder gar geistig behinderte Menschen ohne Grund zu töten, nur weil es intelligentere, fähigere - in dem Sinne: für die Gesellschaft wertvollere (!) - Individuen gibt. Tiere zu essen ist kein Zeichen von Intelligenz, sondern von Genusssucht und Unreflektiertheit. Alles in allem steht meist die Unwilligkeit, den eigenen Konsum zu überdenken, zu verändern und auf gewisse Genussmittel zu verzichten, im Vordergrund.

Zum Argument “Es gibt ja humane Tötungsmethoden” passt nur eine Antwort: Nein, gibt es nicht. Denn es ist niemals human, einen Menschen zu töten. Die meisten von uns empfinden die Todesstrafe als nicht mehr zeitgemäß und als eine Verletzung der Menschenrechte. Warum sollte dann das Töten von Tieren zu Genusszwecken gerechtfertigt sein? Wie könnte das Töten von Tieren “human” sein?

Religion

”Gott hat uns die Tiere zur als Nahrung gegeben.” Immer wieder werden religiöse Argumente herangezogen, um das Töten von Tieren und den Konsum von Tierprodukten zu rechtfertigen. Beliebt sind Bezugnahmen auf Bibelstellen, in denen Menschen als den Tieren überlegen dargestellt werden. Dass dies aber ethische Überlegungen nicht ausschließen sollte, wird zumeist nicht reflektiert. Biblische Textpassagen müssen immer an die Begebenheiten der jeweiligen Zeit angepasst werden. Dafür spricht sich auch der Theologe Kurt Remele in seinem Buch “Die Würde des Tieres ist unantastbar” aus. Die bedenkenlose Nutzung, Tötung und Quälerei von Tieren ist für ihn nur nicht aus ethischer, sondern ebenfalls aus theologischer Sicht problematisch.
Dann wäre da noch die überaus polemische Äußerung: Wenn Gott nicht wollte, dass wir Tiere essen, hätte er sie nicht so lecker gemacht” Ganz ehrlich, wenn jemand mit so einem Argument kommt, ist jegliche Diskussion sinnlos.

Rein Hypothetisches und Ähnliches

Immer wieder begegnen Veganer_innen Vorwürfe und Vorurteile, die an Absurdität und Realitätsfremde kaum zu überbieten sind. Der Vollständigkeit halber wollen wir hier einige der gängigsten Phrasen aufführen.

Fallen in einer Diskussion über Veganismus Aussagen wie Würdest du kein Tier essen, wenn du auf einer einsamen Insel wärst? ist dies ein Indiz, dass das Gegenüber keine sinnvollen, realitätsnahen Argumente mehr bringen kann und deswegen zu rein fiktiven Szenarien greift. Auf die Frage kann scherzhaft entgegnet werden, dass man auf der einsamen Insel bestimmt noch zahlreiche Früchte finden würde. Würde dein_e Gesprächspartner_in etwa einen Menschen auf einer einsamen Insel essen, wenn es sonst nichts geben würde? Oftmals scheinen sich manche omnivoren Menschen plötzlich zu sorgen, dass wir nicht alle Veganer_innen werden können, da sonst die vielen Arbeitsplätze in Schlachthöfen verloren gehen würden. Diese Menschen können beruhigt sein, denn auch der Anbau und die Verarbeitung von Obst und Gemüse erfordert Arbeitseinsatz.

”Auch Pflanzen haben Gefühle. Warum hast du mit diesen kein Mitleid?” haben die meisten Veganer_innen im Zuge einer Diskussion schon einmal vorgeworfen bekommen. Es stellt sich die Frage, woher dieser plötzliche Empathieschub für Pflanzen bei Omnivoren kommen mag. Aus wissenschaftlichen Kreisen wird bestätigt, dass Pflanzen unter anderem aufgrund eines nicht vorhandenen Nervensystems nicht in der Lage sind Schmerzen zu empfinden. Unter der unwahrscheinlichen Annahme, dass Pflanzen über ein Schmerzempfinden verfügen, wäre es ethisch wesentlich weniger vertretbar, Tiere zu essen, da sie während ihres Lebens eine große Menge an Pflanzen konsumiert haben, anstatt die Pflanzen direkt selbst zu essen. Somit würde also doppeltes Leid verursacht werden: Die Tiere würden leiden und die Pflanzen, die als Tierfutter dienen.

Oft wird Veganer_innen vorgehalten, dass ohnehin die ganze Menschheit niemals vegan leben wird und es nicht möglich sei, zu 100 % vegan zu leben - besonders in unserer modernen Gesellschaft. Vor nicht allzu langer Zeit war es etwa unvorstellbar, dass Frauen oder “schwarze” Menschen dieselben Rechte hätten wie “weiße” Männer. Die Geschichte hat uns gelehrt, dass durch Engagement und Hartnäckigkeit beeindruckende soziale Bewegungen entstehen und Großes verändern können. Warum sollte also eine vegane Welt nicht möglich sein?

Leben als Veganer_in

Viele am Veganismus interessierte Menschen haben die Befürchtung, dass es schwierig, zeitintensiv und teuer ist, in allen Lebensbereichen (Ernährung, Kleidung, Kosmetik, …) auf tierische Produkte zu verzichten. Wir können euch versichern, dass nach einer kurzen Umgewöhnungsphase das Leben als Veganer_in keineswegs komplizierter ist. Sowohl einfache, als auch ausgefallenere pflanzliche Rezepte findest du in unserer Rezeptdatenbank. Weiters haben wir eine Auswahl an besonders gelungen Kochbüchern für den veganen Einstieg zusammengestellt. Beim Einkaufen im Supermarkt sollte entweder schnell die Liste der Inhaltsstoffe gecheckt oder nach dem V-Label oder der Vegan-Blume Ausschau gehalten werden. Auch bei Kosmetika garantiert dir die Vegan-Blume, dass das Produkt tierversuchsfrei ist und aus rein pflanzlichen Inhaltsstoffen besteht. Dank der zahlreichen Restaurants, Cafés und Bäckereien mit veganem Angebot bist du auch unterwegs gut versorgt. Die VEGAN.AT-Restaurantsuche zeigt dir, welche Gastronomiebetriebe bei dir in der Nähe und geöffnet sind und welches Angebot sie haben.

Die Befürchtung, dass vegane Ernährung die Geldbörse stark belastet, ist eine der gängigsten und hartnäckigsten Vorurteile (siehe Artikel Vegan und günstig). Es mag stimmen, dass vegane Würstl, Käse und Sojajoghurts etwas teurer sind, allerdings machen diese Produkte einen relativ geringen Anteil an den gesamten Lebensmitteln aus. Mit ein paar Tipps und Tricks kannst du tolle vegane Speisen kochen und unter Umständen sogar noch Geld sparen. Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln, Nudeln, Brot und Hülsenfrüchte sind sogar in Bio-Qualität relativ günstig zu erwerben und obendrein nährstoffreich. Saisonales Gemüse und Obst ist meist günstiger und geschmacklich intensiver. Generell kann man durch Selbstkochen sehr viel Geld sparen und die Speisen genau so zubereiten, wie man sie am liebsten hat.

Manche Veganer_innen fühlen sich unwohl oder empfinden es als unhöflich, wenn sie bei Bekannten eingeladen werden und Essenswünsche anbringen. Sprich dich mit deinen Gastgeber_innen am besten vor dem Besuch ab, vielleicht möchten sie ohnehin vegane Speisen zubereiten und freuen sich über deine Tipps. Vielen ist es auch lieber, wenn du vorher deine Essgewohnheiten mitteilst und abspricht, als dich dann vor einem leeren Teller zu sehen. Du kannst auch anbieten, eine Speise für die anderen und dich selbst mitzubringen. So kannst du möglicherweise sogar die anderen Gäste von veganen Speisen begeistern und sie ermuntern, zumindest hin und wieder vegan zu kochen. Generell räumt ein Gespräch Missverständnisse aus dem Weg und lässt Probleme erst gar nicht entstehen, vorausgesetzt beide Seiten begegnen einander mit Respekt.

Da Veganer_innen meist gesünder leben und seltener erkranken, nehmen sie folglich medizinische Behandlungen weniger häufig in Anspruch. Es mag stimmen, dass Medikamente und medizinische Behandlungen meist oder oftmals nicht vegan sind, sei es aufgrund der durchgeführten Tierversuche oder der tierischen Inhaltsstoffe. Wir empfehlen dir, eine_n Arzt_Ärztin auszuwählen, der offen für deine Ernährungsweise ist und diese respektiert. Er_sie wird dich dann unterstützen, die für dich richtige Behandlung auszuwählen, und dir vegane Alternativen aufzeigen, zum Beispiel bei Verhütungsmitteln.

Veganer_innen werden oft mit dem Vorwurf konfrontiert, dass sie ständig alle Menschen um sich herum belehren und von der veganen Lebensweise überzeugen wollen. Erstens lässt sich dieser Vorwurf nicht im Vorhinein komplett bejahen oder verneinen. Jeder Mensch, und so auch jede_r Veganer_in, ist unterschiedlich und thematisiert Veganismus im eigenen Bekanntenkreis unterschiedlich stark. Wir denken, dass eine „ausgewogene“ Thematisierung von Veganismus am vielversprechendsten ist, das heißt, überschütte deine Gesprächspartner_innen nicht in jeder freien Minute mit Informationen über Veganismus, sondern lass deine Meinung an passenden Stellen einfließen. Informiere sie bei Unwahrheiten, Unklarheiten oder Ähnlichem. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es oftmals Omnivore sind, die unsere Lebensweise zu thematisieren beginnen, manchmal aus Interesse, manchmal als Angriff oder Vorwurf. Entscheide am besten selbst, wann es Sinn macht, mit Menschen über Veganismus zu diskutieren, und wann es eher vergeudete Zeit ist, weil das Gegenüber nur provozieren möchte.

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