Verhütungsmittel aus veganer Sicht | Vegane Gesellschaft Österreich

Verhütungsmittel aus veganer Sicht

01.06.2016

Bei Verhütungsmitteln wird im Allgemeinen zwischen mechanischen und hormonellen unterschieden sowie ob diese vom Mann oder der Frau angewendet werden können. Mechanische verhindern, dass die Spermien zur Eizelle gelangen. Hormonelle bestehen aus Östrogen und/oder Gestagen und wirken unterschiedlich; unter anderem lassen sie die Eizelle erst gar nicht heranreifen oder schränken die Beweglichkeit der Spermien und der Eizelle ein. Weiters gibt es noch Kupferspiralen und -ketten, denen ein anderer Wirkmechanismus zugrunde liegt. Die Sicherheit vor ungeplanter Schwangerschaft wird mit dem Pearl-Index angegeben, der besagt, wie viele von 100 Frauen trotz Anwendung der jeweiligen Methode im Zeitraum eines Jahres schwanger wurden. Je niedriger der Wert, desto sicherer das Verhütungsmittel.

Methoden zur Feststellung des Eisprungs

Beginnen wir mit den harmlosesten Möglichkeiten für die Frau. Dabei ist das Um und Auf festzustellen, ob zum aktuellen Zeitpunkt die Befruchtung einer Eizelle möglich wäre. Es soll also der Moment des Eisprungs ermittelt werden. Die folgenden drei Methoden werden der Vollständigkeit halber hier angeführt, auch wenn es keine Verhütungsmittel per se sind.

Verhütungscomputer Persona

Eine Möglichkeit ist der Verhütungscomputer Persona. Ein Teststreifen, der in den kleinen Computer gesteckt wird, misst die Konzentration des Hormons LH im Harn. Die Höhe des Werts gibt Auskunft darüber, in welcher Phase des Menstruationszyklus sich die Frau soeben befindet. Zugegeben, es handelt sich dabei nicht strikt um ein Verhütungsmittel, sondern um einen Behelf zur Feststellung, ob momentan die Befruchtung einer Eizelle möglich wäre oder nicht. Leider enthalten die Teststreifen aber Rinderprotein und sind deshalb nicht vegan.
Pearl-Index: 6–20

LadyComp

Auch beim LadyComp handelt es sich um einen Verhütungscomputer. Mit Hilfe des LadyComp-Sensors wird morgens die Körpertemperatur für eine Minute unter der Zunge gemessen. An Tagen mit Menstruation wird zusätzlich eine Taste gedrückt. Der LadyComp zeigt sofort an, ob die Frau innerhalb der nächsten 24 Stunden schwanger werden kann oder nicht.
*Pearl-Index: 0,7

Temperaturmethode

Weiters gäbe es noch die Methode des sogenannten Temperaturmessens, die jedoch umstritten ist. Grundannahme ist, dass die innere Körpertemperatur kurz vor, während und nach dem Eisprung leicht erhöht ist. Regelmäßiges Messen und eine gute Kenntnis des eigenen Körpers sind dabei wichtig. Im eigentlichen Sinn ist diese Methode vegan. Da aber Messfehler und Körpertemperaturschwankungen aus verschiedenen Gründen nie auszuschließen sind, ist diese Methode doch eher unzuverlässig.
Pearl-Index: 3,8–20

Symptothermale Methode

Als symptothermale Methode werden verschiedene Varianten (Sensiplan, NFP, NER etc.) bezeichnet, die bestimmte Methoden zur Feststellung des Eisprungs und der Fruchtbarkeit kombinieren. Nach Messung der Basaltemperatur (Körperkerntemperatur beim Aufwachen) auf zwei Nachkommastellen wird der Wert auf einem Zyklusblatt eingetragen, wodurch eine Nachverfolgung der Temperaturveränderungen möglich wird. Zugleich wird mehrmals täglich die Konsistenz des Zervixschleims überprüft. Auch weitere Symptome der verschiedenen Zyklusphasen werden im Auge behalten. Es handelt sich dabei also um eine natürliche und vegane Methode zur Empfängnisverhütung, die relativ sicher ist. Diese Methode erfordert anfangs einiges an Übung, um sie sicher zu erlernen, und bleibt in der Ausführung doch eher aufwändiger als manche andere Verhütungsmittel. Weiters schließt sie - wie alle Methoden zur Ermittlung des Eisprungs - eine gewisse Spontaneität im Liebesleben aus, da nur an „sicheren Tagen“ (jedenfalls ohne Verwendung zusätzlicher Verhütungsmittel) eine Befruchtung ausgeschlossen werden kann.
Pearl-Index: 0,3–10

Verschiedene Verhütungsmittel
Die Auswahl an Verhütungsmitteln ist für Veganer_innen eher klein.


Mechanische Verhütungsmittel

Mechanische Verhütungsmittel gibt es sowohl für den Mann als auch für die Frau.

Kondome

Am bekanntesten sind dabei sicherlich Kondome. Beim Grundbestandteil – Naturkautschuklatex – handelt es sich tatsächlich um ein Naturprodukt. Doch viele Hersteller setzen im Herstellungsprozess Casein (einen Milchbestandteil) als Weichmacher zu. Mittlerweile gibt es jedoch Marken, die vegane Alternativen produzieren. Nennenswert sind hierbei die Marken Fair Squared (z.B. erhältlich bei DM), einhorn und der australische Hersteller GLYDE, die sich alle laut eigenen Angaben für faire Bedingungen und nachhaltige Produktion einsetzen.
Pearl-Index: 2–12

Femidom

Dem Kondom ähnlich ist das Femidom für die Frau. Es besteht aus zwei flexiblen Ringen und einer Hülle aus Kunststoff (genauer: Polyurethan) und legt sich an die Scheidenwand an, um ein Durchkommen der Spermien zu verhindern. Das Femidom ist zwar in Österreich regulär nicht erhältlich, kann aber bestellt werden. Trotz ausführlicher Recherche konnte nicht festgestellt werden, ob alle Femidom-Marken vegan sind oder ob wie bei Kondomen Casein eingesetzt wird.
Pearl-Index: 5–25

Diaphragma

Ein weiteres mechanisches Mittel für die Frau ist das Diaphragma. Diaphragmen können entweder aus Silikon oder aus tierischem Glyzerin bestehen. Vegan wären also nur jene auf Silikonbasis. Weiters bietet ein Diaphragma nur in Kombination mit einem Spermizid, einem samenabtötendem Gel, Sicherheit vor ungeplanter Schwangerschaft. Spermizide müssen – wie jedes Medizinprodukt – vor ihrer Zulassung im Tierversuch getestet werden.
Pearl-Index (Diaphragma + Spermizid): 4–10

Hormonelle Verhütungsmittel

Nun zu den hormonellen Verhütungsmitteln. Alle enthalten als Hauptwirkstoff Östrogen und/oder Gestagen. Durch diese Hormone wird dem Körper vorgespielt, dass die Frau bereits schwanger ist, wodurch keine weiteren Eizellen heranreifen und der Eisprung ausbleibt.
Wie wir schon in unserem Artikel „Tierversuche und die Kosmetikindustrie“ berichtet haben, müssen für die Zulassung alle pharmazeutisch verwendeten Substanzen und Medikamente im Tierversuch getestet werden. Die Problematik, dass dabei eigentlich keine wirklichen Rückschlüsse auf die Reaktion des menschlichen Organismus gemacht werden kann, wurde dort bereits erörtert und trifft auch auf hormonelle Verhütungsmittel zu. Deshalb gilt für alle im Folgenden aufgelisteten Mittel dasselbe: Auch wenn das Präparat oder das Material vegan sein sollte, ist das Verhütungsmittel aus tierethischer Sicht problematisch, da dafür auf jeden Fall zum ein oder anderen Zeitpunkt Tierversuche durchgeführt worden sind.
Zusätzlich enthalten fast alle Pillen-Präparate Laktose (Milchzucker) als Bindemittel und sind deshalb nicht vegan. Teilweise wird die Meinung vertreten, dass Generika (sog. „Nachahmer-Medikamente“) als vegan einzuschätzen wären, weil für diese keine Tierversuche mehr notwendig gewesen sind. Zu bedenken bleibt jedoch, dass für das Originalpräparat, auf dem das jeweilige Generikum basiert, jedoch vor Zulassung Tierversuche durchgeführt werden mussten.

Zur Übersicht folgt hier eine Liste der Pearl-Index-Werte verschiedener hormoneller Verhütungsmittel:
Pearl-Index Pille: 0,1–0,9
Pearl Index Mini-Pille: 0,5
Pearl-Index Pflaster: 0,9
Pearl-Index Hormonspirale: 0,16
Pearl-Index Verhütungsring (Nuva-Ring): 0,65
Pearl-Index Verhütungsstäbchen (Implantat): 0–0,08
Pearl-Index Drei-Monats-Spritze: 0,3–1,4

Hormonelle Mittel belasten die Umwelt

Dass die Anti-Baby-Pille und andere hormonelle Verhütungsmittel aus veganer Sicht nur deswegen problematisch sind, weil sie im Tierversuch getestet werden mussten, ist leider nur die halbe Wahrheit. Seit mehreren Jahren weisen Forscher_innen darauf hin, dass zunehmend Östrogen in Flüssen und Seen festgestellt wird. Doch wie kommt dieses Hormon ins Wasser? Jenes Östrogen, das für die Pille und hormonelle Verhütungsmittel synthetisch erzeugt wird, wird im Körper der Frau nicht vollständig aufgespalten. Restmengen gelangen über den Harn ins Abwasser, wobei Hormone aber durch herkömmliche Kläranlagen nicht herausgefiltert werden und dadurch in die Natur kommen. Mittlerweile ist bekannt, dass der Fischschwund in heimischen Gewässern zu einem bedeutenden Teil darauf zurückzuführen ist, dass durch das Östrogen die männlichen Fische entweder keine oder unproduktive Spermien haben oder – sogar im Gegenteil – Fischeier produzieren.

Verhütungsmittel aus Kupfer

Alternativ zu hormonellen Methoden können Frauen auf Verhütungsmittel aus Kupfer zurückgreifen. Die möglichen Varianten sind die Kupferspirale, die Kupferkette und der Kupfer(perlen)ball. Durch Kupferionen, die laufend abgegeben werden, werden Spermien in ihrer Beweglichkeit im Eileiter behindert und können dadurch die Eizelle nicht befruchten. Wie auch bei der Hormonspirale gehört es zum Wirkmechanismus der Kupferspirale, kette und -(perlen)ball dazu, dass eine örtliche Entzündungsreaktion dauerhaft erhalten bleibt, damit sich eine Eizelle, für den Fall dass sie befruchtet wurde, nicht in die Gebärmutter einnisten kann.

Kupferspirale

Angeblich wurden bei der Entwicklung der Kupferspirale bewusst keine Tierversuche durchgeführt. Leider wird jedoch in der Regel bei der Kupferaufbereitung Knochenleim eingesetzt.
Pearl-Index: 0,9–3

Kupferkette

Laut der Website des Herstellers GyneFix ist die Kupferkette für Veganerinnen geeignet, da keine Tierversuche durchgeführt wurden und bei der Herstellung sowie der Kupferaufbereitung keine tierischen Zusatzstoffe – auch kein Knochenleim – zur Verwendung kommen.
Pearl-Index: 0,1–0,3

Kupfer(perlen)ball

Trotz eingehender Recherche konnte nicht festgestellt werden, ob bei der Kupferaufbereitung für dieses Verhütungsmittel Knochenleim verwendet wird. Im Zweifelsfall ist davon auszugehen, dass das Kupfer nicht vegan ist. Weiters liegt auch kein Pearl-Index-Wert vor.

Wenige vegane Verhütungsmittel

Wie sich gezeigt hat, ist es dringend notwendig, vegane Kriterien auf Verhütungsmittel anzuwenden. Oftmals verstecken sich in ihnen tierische Inhaltsstoffe, wie dies etwa bei Kondomen mit dem Milchbestandteil Casein der Fall ist. Während hormonelle Verhütungsmittel zwar meist vegan erscheinen, müssen für ihre Zulassung Tierversuche durchgeführt werden. Darüber hinaus enthalten die meisten Anti-Baby-Pillen Laktose. Ein weiteres Problem ist die Hormonbelastung in Abwässern durch die Zunahme in der Verwendung hormoneller Mittel. Dies hat schwerwiegende Auswirkungen auf die Tierwelt in Flüssen und Seen.
Eine natürliche und damit vegane Methode der Empfängnisverhütung für die Frau stellt die symptothermale Methode dar, die einen sehr hohen Pearl-Index aufweist. Dabei kann bei richtiger Anwendung auf Verhütungsmittel verzichtet werden, wobei es jedoch wichtig ist, die verschiedenen Methoden zur Feststellung der Fruchtbarkeit gut zu beherrschen und den eigenen Körper zu kennen.
Die einzig wirklich veganen Verhütungsmittel sind folglich vegane Kondome und die Kupferkette, für die das Kupfer laut Herstellerangabe ohne Knochenleim aufbereitet wird. Die Entscheidung, welches Verhütungsmittel verwendet wird, obliegt natürlich jeder_m selbst, doch sollte Veganer_innen bewusst sein, wie Verhütung, Tierleid und Umweltschutz zueinander in Verbindung stehen.

Foto: fotolia.com | areeya_ann