Interview mit Langzeitveganer_innen | Vegane Gesellschaft Österreich

Interview mit Langzeitveganer_innen

02.01.2017

Der Veggie-Boom der letzten Jahre hat vegan zum Mainstream gemacht. Man wird erfreulicherweise als Pflanzenesser nicht mehr von allen Seiten schräg angeschaut. Wir unterhalten uns mit Menschen, die quasi als Pioniere schon vor dieser Zeit tierische Produkte aus ihrem Leben verbannt haben.

v.l.n.r. Susann, Stella und Elmar
v.l.n.r. Susann, Stella und Elmar

Wie lange lebt ihr schon vegan?

Stella: Seit etwas über 8 Jahren.

Elmar: Knapp 18 Jahre. 1998 wurde ich nach langem Sympathisieren mit der Idee endlich Vegetarier – nicht zuletzt aufgrund der schon damals bekannten schlimmen Aufnahmen aus Tierfabriken und Tiertransporten. Im folgenden Jahr habe ich mich intensiv mit Tierhaltung und Tierethik beschäftigt und wurde rasch 100 % vegan.

Susann: Ich lebe schon ziemlich lange vegan. An das genaue Datum kann ich mich gar nicht mehr wirklich erinnern – es war jedenfalls in den frühen Neunziger Jahren. Ich denke, dass es 1993 gewesen sein müsste.

Was hat dich in einer Zeit, in der noch kaum jemand wusste, was vegan überhaupt bedeutet, dazu bewegt diese Lebensweise zu übernehmen?

Susann: Ende der Achtziger habe ich ein Demo-Plakat mit einer gekreuzigten Maus gesehen – ein Aufruf zu einer Demo gegen Tierversuche. Das war das erste Mal, dass ich mit diesem Thema konfrontiert wurde und es hat mich zutiefst schockiert! Der Schritt zur Vegetarierin war danach bald vollzogen. Die Aufklärungsarbeit bezüglich „Milch“ war damals noch nicht wirklich vorhanden. Erst ein Flyer „Milch = weißes Blut“ klärte mich auf. Der Entschluss stand dann recht schnell fest: Tierliebe und Tierschutz gehen nur vegan.

Stella: Bei mir handelt es sich wohl um etwas wie einen Sonderfall. Ich bin in einer vegetarischen Familie aufgewachsen, die sich sehr mit Tierrechten beschäftigt hat und mit dem aufkommenden Veganismus der späten 90er sympathisierte. Kuhmilch und Eier waren in unserem Haushalt nie vorhanden, hingegen gibt es Fotos von mir beim Kindergartenausflug - mit Alpro-Kakao. Als am 21. Mai 2008 zehn Tierrechtsaktivist_Innen festgenommen wurden, hat sich mein Blick auf die Gesellschaft schlagartig gewandelt. Seitdem lebe ich vegan.

Elmar: Interessanterweise waren es meine damaligen omnivoren Freunde, die mich während der vegetarischen Phase korrekterweise darauf aufmerksam gemacht haben, dass ich dann ja auch keine Milchprodukte, Eier, usw. essen dürfte. Neben meiner Lektüre tierethischer Bücher und dem damals noch jungen Internet brachte das die Entscheidung vollständig auf tierliche Produkte zu verzichten.

Was hat sich eurer Meinung nach am meisten verändert? Ist das vegane Leben heute leichter? Oder verleiten die vielen neuen (Fertig-)Produkte gar zu einem weniger gesunden Lebensstil?

Elmar: Kontinuierliche Veränderungen sind oft schwer wahrzunehmen, aber, wenn man aus heutiger Perspektive knapp 18 Jahre zurückblickt, hat sich unfassbar viel zum Besseren gewendet: Damals gab es weder Tofu noch Sojamilch im Supermarkt. Heute gibt es in den Supermärkten schon mehrere Laufmeter Regalfläche mit speziellen veganen Produkten. In Kombination mit einer grundsätzlich obst- und gemüselastigen Küche ernährt man sich im Durchschnitt als vegan lebende Person heute gesünder als die Normalbevölkerung.

Stella: Das vegane Leben ist heutzutage in Österreich bestimmt wesentlich einfacher als vor acht Jahren! Ich denke, dass vegane Fertigprodukte für viele Personen eine große Erleichterung beim Einstieg bedeuten und garantiert eine Stütze sind, die das vegane Leben leichter macht! Ob sie zu einem weniger gesunden Lebensstil verleiten, stellt für mich als ethisch motivierte Veganerin eine Nebensächlichkeit dar.

Susann: Vegan zu leben ist ganz klar sehr viel leichter geworden. Sogar in den allermeisten „normalen“ Restaurants weiß man, was vegan bedeutet. Was die Fertigprodukte betrifft: Natürlich begrüße ich jedes neue vegane Produkt, da es meiner Meinung nach für alle Menschen leicht und erschwinglich sein sollte, sich vegan ernähren zu können. Ich persönlich würde jedoch biovegane Lebensmittel von ethisch motivierten Unternehmen bevorzugen. Wer sich zudem gesund und ausgewogen ernähren möchte sollte vor allem frisches biologisches Obst und Gemüse kaufen, die Inhaltsstoffe auf dem Etikett beachten und bestenfalls selbst kochen.

Viele Menschen haben leider immer noch das Vorurteil, vegane Ernährung sei langfristig ungesund. Wie sieht’s mit eurer Gesundheit aus?

Stella: Ich mache ein Mal im Jahr ein Blutbild und supplementiere B12 und Vitamin D. Mich verwundert sehr, wie hartnäckig sich einige Mythen um Supplementierung und B12 halten. Omnivore Personen kennen sich mit Ernährung meiner Erfahrung nach häufig schlechter aus, lassen ihre Werte seltener testen und nehmen Supplemente in Form von Tierprodukten zu sich, schließlich werden mehr als 80 Prozent des synthetisch hergestellten B12 für die „Nutztier“nahrung verwendet.

Elmar: Genauso wie jede andere Ernährungsform kann man sich auch als vegan lebende Person ungesund ernähren. Zum Glück sind mittlerweile alle essenziellen Nährstoffe umfassend bekannt und es ist leicht möglich, sich auch ohne tierliche Produkte gesund zu ernähren. Ich mache ebenfalls jährlich ein Blutbild mit Fokus auf B12 und Jod und substituiere diese Substanzen auch (teils durch angereicherte Lebensmittel, teils durch Nahrungsergänzungsmittel).

Susann: Obwohl, oder eher gerade weil ich schon so lange vegan lebe, fühle ich mich rundherum gesund und aktiv. Gerade wenn ich mich im Vergleich zu nicht vegetarisch/vegan lebenden früheren Kolleg_innen und Freund_innen betrachte, bin ich sehr froh, dass ich z.B. seit Jahrzehnten keinerlei Medikamente nehmen muss (seltene Ausnahme: die Kopfwehtablette im Notfall, wenn ich gesellschaftlich funktionieren muss). Mein letzter B12-Test liegt nun schon wieder ca. zwei Jahre zurück. Mein Arzt war sehr zufrieden.

Wie reagieren Menschen heute im Vergleich zu früher, wenn das Thema vegan zur Sprache kommt? Hast du dir ein „dickes Fell“ gegen schwache Sprüche angelegen müssen? Brauchst du es heute noch?

Susann: Das dicke Fell habe ich an manchen Stellen bestimmt bekommen, doch grundsätzlich ist es eher so, dass ich über all die Jahre die immer selben schwachen Sprüche immer weniger hören mag. Zumal sie ja, wenn man so will, noch unsinniger geworden sind, weil die Aufklärung in Riesenschritten vorangeschritten ist.

Elmar: Das ist auch eine Änderung, die mir nur auffällt, wenn man sich 18 Jahre zurückdenkt: Früher wurde man fast schon vorwurfsvoll angesprochen, wie man denn nur so verblendet sein könne und auf die ach so wichtigen tierlichen Produkte verzichte. Heute passiert mir das überhaupt nicht mehr. Im Gegenteil, alle haben Verständnis, viele versuchen selbst den Pflanzenanteil in ihrer Ernährung sukzessive zu erhöhen und manche sind sogar selbst Veganer_innen!

Stella: Ich fühle mich zu 100 Prozent im Recht, dadurch habe ich nie einen Bedarf nach einem dicken Fell verspürt. Dennoch ist mein Gefühl, dass den Leuten heute mehr bewusst ist, warum Menschen vegan werden, und sich deshalb häufiger einen dummen Spruch verkneifen.

Was war dein persönliches veganes Highlight in den letzten Jahren?

Stella: Von einem Highlight zu sprechen ist schwer. Vegane Kärntner Kasnudel im Supermarkt, vegane Schoko-Palatschinken mit Schlagobers im Restaurant gegenüber meiner Kletterhalle, vegane Bergschuhe zu Weihnachten und viele liebe vegane Menschen um mich herum gehören bestimmt dazu.

Elmar: Ich freue mich immer über die zunehmenden kleinen Überraschungen, wenn es plötzlich irgendwo, wo man es überhaupt nicht erwartet, neue vegane Optionen gibt: im Hotel am Mittelmeer, in Supermärkten auf Reisen, in einer Berghütte oder bei einem Heurigen.

Susann: Als ich vor ein paar Jahren meinen 50. Geburtstag mit meiner Familie und Freund_innen in einem veganen Restaurant feierte, sagte mein über 80-jähriger Vater, dass, wenn er gewusst hätte, wie lecker veganes Essen schmeckt, dann hätte er sich vielleicht auch überlegt umzusteigen.