Ein Politiker für die vegane Sache | Vegane Gesellschaft Österreich

Ein Politiker für die vegane Sache

20.06.2015

VEGAN.AT im Interview mit dem Wiener Gemeinderatskandidaten Sebastian Bohrn Mena

Er ist dieses Jahr 30 geworden und hat bereits ein abwechslungsreiches Leben hinter sich: Sebastian Bohrn Mena, Nachkomme von lateinamerikanischen Flüchtlingen, machte seine ersten beruflichen Schritte als gelernter Buchhändler. Irgendwann zog es ihn dann doch zur Universität, wo er Wirtschaft studierte und bald wieder aus dem Elfenbeinturm in die Welt hinaus wollte. Also wechselte er 2012 in die Volksbildung, holte mit den großen politischen Nachhaltigkeits- und Menschenrechtsreihen namhafte zivilgesellschaftliche Akteur_innen aus aller Welt nach Wien, brachte u.a. Melanie Joy und andere Tierrechts-Vertreter_innen hierher und entdeckte dabei schließlich seine Lust auf Politik. Am 11. Oktober 2015 tritt er deshalb erstmals zur Wahl an, als Vorzugsstimmen-Kandidat der SPÖ und vor allem: Als einziger Politiker, der sich offen zu Tierrechten und Veganismus bekennt.

Foto Sebastian Bohrn-Mena
„Ich selbst esse seit Jahren keine Tiere, weil ich für mich entschieden habe, dass ich Tiere nicht länger als Ware behandeln will.“

Sebastian, was zieht dich in die Politik? Warum kandidierst du für den Wiener Gemeinderat?

Weil ich davon überzeugt bin, dass es eine Veränderung braucht. Vor dem Hintergrund meiner Familiengeschichte, auf Basis meiner persönlichen Haltung und als Beobachter des politischen Geschehens bemerke ich, dass es einige sehr wichtige Bereiche gibt, die von der Politik viel zu wenig beachtet werden. Im Allgemeinen herrscht beispielsweise bezüglich unserem Umgang mit so genannten Nutztieren ein unerträglicher Pragmatismus, der jedem Mitgefühl entbehrt. Ganz abgesehen davon, dass wir aufgrund aktueller politischer Entwicklungen Gefahr laufen, uns als Gesellschaft in eine Richtung zu bewegen, die für unser Zusammenleben und unsere Demokratie sehr gefährlich werden kann. Ich möchte aber nicht mehr länger Beobachter sein, sondern selbst mit anpacken. Deshalb stelle ich mich dieses Jahr zur Wahl.

Die SPÖ ist ja nicht unbedingt bekannt für ihre Tierfreundlichkeit – wieso kandidierst du gerade für diese Partei?

Die Grundwerte und Ideale der Sozialdemokratie sind zeitlos und müssen auf alle Bereiche unseres Lebens übertragen werden, wenn man sie ernst meint: Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Martin Luther King sagte das sinngemäß so treffend: „Ungerechtigkeit gegen irgend jemanden, wo auch immer sie passiert, bedroht die Gerechtigkeit überall“. In diese Formel beziehe ich Menschen und Tiere gleichermaßen ein. Wir schaden nämlich immer auch uns selbst damit, wenn wir anderen fühlenden Lebewesen Schaden zufügen, obwohl wir es vermeiden könnten. Und ja, ich bin auch der Meinung, dass sich die Sozialdemokratie noch mehr für den Tierschutz engagieren muss. Genau das ist der Knackpunkt, genau deswegen engagiere ich mich in der SPÖ. Weil die Partei für alle Menschen, auch für alle Tiere, da sein muss. Verantwortung für Menschen, ohne Verantwortung für die Tiere oder die Natur zu übernehmen, kann nicht zielführend sein. Schließlich gehören sowohl Tiere als auch Natur zu unserem Leben – und je besser wir mit allem, was zu unserem Leben dazugehört, umgehen, umso besser werden auch unsere eigenen Leben.

Veganismus liegt im Trend, immer mehr Menschen ist eine möglichst tierleidfreie Ernährungsweise wichtig, dennoch nehmen sich andere Politiker_innen des Themas nicht an. Woher kommt dein Interesse daran?

Ich selbst esse seit Jahren keine Tiere, weil ich für mich entschieden habe, dass ich Tiere nicht länger als Ware behandeln will. Mein ganzes Leben lang haben mich Tiere auf besondere Weise begleitet. So wie sehr viele andere Menschen auch, bin ich mit Haustieren aufgewachsen. Meerschweinchen haben mit mir im Zimmer gewohnt, meine Oma hatte Hühner und Katzen und auch Kühe habe ich lieb gewonnen bei meinen Besuchen auf dem Bauernhof. Schließlich ist mir dank meiner Lebensgefährtin bewusst geworden, dass es keinen relevanten Unterschied gibt zwischen den Tieren, die ich liebte, und jenen Tieren, die als Fleisch auf meinem Teller landeten. Letztendlich erkannte ich auch, dass Veganismus nicht nur eine ethische Frage ist, sondern unsere Ernährung globale Auswirkungen auf menschenrechtlicher, wirtschaftlicher, ökologischer und gesundheitlicher Ebene hat. Das ist Teil meiner Haltung geworden. Fast jede_r von uns steht in einer emotionalen Beziehung zu Tieren und immer mehr Menschen ziehen daraus dieselben Schlüsse wie ich. Dem gilt es jetzt – endlich – auch politisch Ausdruck zu verleihen.

Wie hoch schätzt du die Chancen ein, mit diesem Thema innerhalb der Politik durchzukommen?

Nachdem ich einen Vorzugsstimmen-Wahlkampf führe, bedeutet eine Stimme für mich immer auch eine Stärkung meiner Positionen. Daraus folgt, dass je mehr Vorzugsstimmen ich bekomme, umso mehr werden meine Positionen Niederschlag finden. Wenn viele Menschen durch die Wahl meiner Positionen deklarieren, dass das Thema für sie relevant ist, wird mein Einfluss hoch sein. Jede Vorzugsstimme für mich ist deshalb eine Vorzugsstimme für einen achtsamen Umgang mit Tieren. Jede Vorzugsstimme für mich ist auch eine Stimme für die vegane Lebensweise – also eine Stimme für ein gewaltfreies Zusammenleben von Menschen und Tieren. Ich gebe bereits alles, was ich kann. Die Chance damit durchzukommen, hängt am 11. Oktober aber nicht mehr von mir ab, sondern von den Wählerinnen und Wählern.

Was können wir uns bis dahin noch von dir noch erwarten?

Mein Vorzugsstimmen-Wahlkampf hat vor kurzem begonnen. Die kommende Zeit möchte ich nutzen, um mit möglichst vielen Menschen in Kontakt zu treten, mich mit ihnen auszutauschen und sie an meinem politischen Weg teilhaben zu lassen. Besonders wichtig ist mir eine authentische und transparente Politik, weshalb ich auf meinem Facebook-Channel teils sehr persönliche Beiträge über Erlebnisse und Meilensteine veröffentliche. Das Ziel ist 10.000 Vorzugsstimmen für den Oktober zu gewinnen, weil ich nur so sicherstellen kann, dass Tierrechte und Offenheit für Veganismus politisch ernst genommen werden. Jede_r muss sich dabei selbst die Frage stellen, ob Veganismus für sie oder ihn bei der bloßen Frage der Kulinarik endet, oder aber ein gesellschaftlicher Standpunkt ist. Wenn letzteres der Fall sein sollte, lade ich diejenigen herzlich dazu ein mich zu kontaktieren, mich zu unterstützen und mich beim Kampf um die Rechte von Menschen und Tieren zu begleiten.

Als gemeinnütziger Verein ist die Vegane Gesellschaft Österreich politisch unabhängig, informiert lediglich redaktionell über vegane Themen.

Foto Sebastian Bohrn-Mena

Factbox: Dr. Sebastian Bohrn Mena

Sebastian kandidiert für die SPÖ bei den Gemeinderatswahlen am 11. Oktober 2015. Auf der Landesliste (Stadtvorschlag) auf Platz 75 gereiht, führt er einen Vorzugsstimmen-Wahlkampf. Seine wichtigsten Forderungen: Fiaker-Verbot, ein Ende der Hunde-Qualzucht und der grausamen Haltung von Nutztieren. Der 30-jährige lebt in Wien und arbeitet in der Volksbildung, wo er sich für die politische Bildung in den Bereichen Menschen- und Tierrechte sowie für alternative Wirtschaftsmodelle einsetzt. Mehr Infos unter www.bohrn-mena.at und fb.com/sebastianbohrnmena