Allgmeinmediziner Dr. Markus Kolm über vegane Ernährung | Vegane Gesellschaft Österreich

Allgmeinmediziner Dr. Markus Kolm über vegane Ernährung

12.09.2018

Seit zwei Jahren lebt der engagierte Allgemeinmediziner Dr. Markus Kolm vegan. Im April 2018 eröffnete er seine Kassen-Ordination im Aufhofcenter Wien im 14. Bezirk. Wir sprechen mit ihm über seine Beweggründe, positive Auswirkungen pflanzlicher Kost und Vorurteile, die sich unter Ärzt_innen hartnäckig halten.

Porträt Dr. Markus Kolm.
Aus Mitgefühl mit den Tieren interessierte sich Dr. Kolm schon in seiner Jugend für Vegetarismus.

Herr Dr. Kolm, Sie leben seit einiger Zeit vegan. Was war der ausschlaggebende Grund für Ihre Ernährungsumstellung?

Bereits als Jugendlicher trat bei mir aufgrund von Mitgefühl mit den Tieren immer mehr der Wunsch nach einer vegetarischen Ernährung in den Vordergrund. Die Umsetzung dessen war für mich damals jedoch aufgrund der subjektiv damit verbundenen Einschränkungen noch nicht vorstellbar. So war es damals für mich z. B. noch schwer denkbar, meinen Eiweißbedarf nur mit pflanzlichen Lebensmitteln zu decken. Ich begann mit der Zeit, mich vermehrt über Ernährung zu informieren und fand unter anderem heraus, dass in bestimmten pflanzlichen Nahrungsmitteln (z.B. Seitan) genauso viel oder sogar noch mehr Eiweiß als in tierischen Produkten enthalten ist. Internetvideos über die miserablen Haltungsbedingungen von Tieren aus konventioneller Tierhaltung sowie Berichte über katastrophale Zustände auf Schlachthöfen bestärkten mich darin, Fleisch und Fisch immer mehr zu reduzieren und auf diese allmählich gänzlich zu verzichten. Während circa zweieinhalb Jahren vegetarischer Ernährung informierte ich mich auch vermehrt über die Milchindustrie und Eierproduktion und begann, diese Produkte aus oben genannten Gründen ebenfalls zu reduzieren. In dieser Zeit probierte ich diverse Milcherzeugnisse auf pflanzlicher Basis aus und kam zu dem Entschluss, dass ich eigentlich keine tierische Milch benötige, um meine Bedürfnisse zu stillen. Ich ernähre mich nunmehr seit circa zwei Jahren vegan – mit sehr seltenen vegetarischen Ausnahmen. Zusammengefasst ist der Grund für meine Ernährungsumstellung, vermeidbares Tierleid zu reduzieren. Ein zu begrüßender Nebeneffekt ist natürlich der geringere Ressourcenverbrauch pflanzlicher Lebensmittel (Klimaschonung, Umweltschutz) im Vergleich zu tierischen Produkten.

Welche gesundheitlichen Vorteile sehen Sie in der veganen Ernährung?

Vegane Ernährung ist nicht gleich vegane Ernährung. So wie bei dem Konsum von tierischen Produkten kommt es auch hier darauf an, welche Produkte man isst und in welcher Menge. Ernährt sich ein Mensch regelmäßig von Fastfood, egal ob tierischen Ursprungs oder aus rein pflanzlichen Bestandteilen, wird dies auf Dauer zu gesundheitlichen Folgen führen. Bei den veganen Nahrungsmitteln gibt es sehr viele gesunde, vollwertige sowie nährstoffreiche Lebensmittel, welche zu einer ausreichenden Nährstoffversorgung führen können (ausgenommen Vitamin B12). Abgesehen von unverarbeiteten veganen Lebensmitteln gibt es mittlerweile auch einige vegane Fertigprodukte bzw. Fleischersatzprodukte, welche ein relativ gutes Nährstoffprofil aufweisen (z.B. Fertigprodukte aus Erbsenprotein oder Lupinen, aber auch Fleischersatzprodukte aus Seitan oder Tofu). In vielen dieser Produkte ist der Proteingehalt höher als in vergleichbaren Fleischprodukten bei gleichzeitig niedrigerem Fett- und Kohlehydratanteil. Kombiniert man ein oben genanntes veganes Produkt mit z.B. Reis, Quinoa, Vollkornprodukten, etc., lässt sich die biologische Wertigkeit der darin enthaltenen Proteine erhöhen. Um die Aufnahme von Eisen und Zink zu erhöhen, empfehle ich häufig ein Vitamin C-haltiges Getränk oder Obst; und schon hat man eine gesunde vollwertige Kost. Generell lässt sich sagen, dass vegane Nahrungsmittel im Vergleich zu tierischen Produkten einen höheren Ballaststoffgehalt aufweisen, welcher ein früher eintretendes und anhaltenderes Sättigungsgefühl verursacht. Des Weiteren beinhalten pflanzliche Lebensmittel einen geringeren Anteil gesättigter Fettsäuren sowie weniger Cholesterin. Wenn man bedenkt, dass die typisch österreichische Küche aus einer fleischhaltigen Hauptspeise (meist verarbeitetes Fleisch) sowie einer kohlenhydratreichen Beilage besteht, dann sind ein Großteil der veganen Speisen kalorienärmer. Dies sowie der höhere Ballaststoffgehalt und das damit verbundene anhaltende Sättigungsgefühl wirken sich positiv auf das Körpergewicht aus. Des Weiteren gibt es Hinweise, dass eine pflanzliche Ernährungsweise zu einer geringeren Wahrscheinlichkeit an Krebs zu erkranken führt, speziell betreffend das Kolonkarzinom. 2015 wurden von der IARC (Internation Agency for Research on Cancer) Studienergebnisse präsentiert, die die WHO dazu veranlasst haben, rotes und prozessiertes Fleisch als potentiell kanzerogen einzustufen. Hierfür wird vor allem das zweiwertige Eisen, welches in Fleisch vorkommt, verantwortlich gemacht. Reagiert zweiwertiges Eisen nämlich mit anderen Stoffen (v.a. mit Wasserstoffperoxid), entstehen schädliche Radikale, welche zu einer DNA-Mutation führen können.

Gilt dies für Menschen in jeder Lebenshase – also auch für Kinder, Jugendliche, Schwangere, Stillende sowie ältere Menschen?

Dies ist eine komplexe Frage, bei deren Beantwortung viele unterschiedliche Punkte zu berücksichtigen sind. Dazu gehören bisherige Ernährungsgewohnheiten, das Vorhandensein chronischer Erkrankungen, die Berücksichtigung diverser Nährstoffe, auf die einzeln eingegangen werden müsste. Zusammenfassend lässt sich jedoch folgendes sagen: Es gibt im Laufe der Entwicklung eines jeden Menschen sensible Phasen bezogen auf die Nährstoffversorgung, welche mit der embryonalen Entwicklung beginnen und mit der Pubertät ihr Ende finden. Dies ist nämlich der Zeitraum, in welchem sich insbesondere das Nervensystem entwickelt bzw. reift sowie das Knochenwachstum stattfindet, weswegen hier auf eine ausreichende Nährstoffversorgung zu achten ist. Betrachten wir die vorhandenen wissenschaftlichen Daten, lassen sich widersprüchliche Ergebnisse hinsichtlich veganer Ernährung während dieser sensiblen Phasen feststellen: So wird vor allem im deutschsprachigen Raum die vegane Ernährung bei Schwangeren, Stillenden und Kindern kritisch betrachtet, während dies im amerikanischen Raum anders aussieht; So erachtet z.B. die Academy of Nutrition and Dietetics eine vegane Ernährung in allen Lebensphasen als geeignet – ebenso die British Nutrition Foundation, welche eine gut geplante vegane Ernährung zur Versorgung mit allen wichtigen Nährstoffen (ausgenommen Vitamin B12) in allen Lebensphasen als gewährleistet sieht. Ich persönlich halte die Versorgung mit Nährstoffen bei rein pflanzlicher Kost in allen Lebenslagen für möglich, wenn man über gute Nährstoffkenntnisse verfügt. Bei Schwangeren, Stillenden und Kindern sowie älteren Menschen sollte eine vegane Ernährung insbesondere nach Rücksprache mit einem mit veganer Ernährung gut vertrauten Arzt/Ärztin des Vertrauens geschehen. Regelmäßige Laborkontrollen können helfen, einen etwaigen Nährstoffmangel frühzeitig zu erkennen. Einzig und allein Vitamin B12 muss in jedem Fall zusätzlich eingenommen werden. Bezüglich der wichtigsten Do’s and Don’ts der weiteren Nährstoffversorgung empfehle ich den Flyer der Veganen Gesellschaft Österreich, welcher eine sehr gute Zusammenfassung der wichtigsten Punkte bei der Ernährung wiedergibt.

Immer mehr Menschen leiden unter dem metabolischen Syndrom, bei Menschen über 60 Jahren beträgt der Anteil bereits über 40 %. Empfehlen Sie Ihren Patient_innen eine Lebensstilländerung, die mit einer veganen (oder vegan-orientierten) Ernährung einhergeht?

Als Arzt sehe ich häufig eine quantitative Überernährung bei qualitativer Unterernährung – das heißt es wird einfach zu viel, insbesondere an Fleisch und daraus verarbeitete Produkte, bei gleichzeitig schlechter Nährstoffzusammensetzung gegessen. Dies spiegelt sich bei Laboruntersuchungen wieder. So sind erhöhte Blutfettwerte und hohe Harnsäurewerte keine Seltenheit. Zusätzlich lässt sich häufig ein zu hohes Körpergewicht feststellen. Dies betrifft nicht nur ältere Patienten, zum Teil sehe ich dies auch schon bei jungen Erwachsenen. Bei dementsprechenden Labor- und Körpergewichtsmessungen frage ich dann natürlich nach den Ernährungsgewohnheiten, wo sich häufig herausstellt, dass der Fleischkonsum deutlich zu hoch ist. Meine Empfehlung liegt in diesen Fällen vor allem in einer Reduktion des Fleischkonsums, besonders der verarbeiteten Fleischprodukte wie Wurst und Schinken. Wenn darüber hinausgehend auch die Studienergebnisse der IARC sowie die Empfehlungen der WHO berücksichtigt werden, macht es auf jeden Fall Sinn, bei Menschen mit metabolischen Syndrom eine eindeutige Empfehlung auszusprechen, den Fleischkonsum zu reduzieren.

Unter Ärzt_innen sind immer noch viele Vorurteile gegenüber veganer Ernährung vorhanden. Wieso, glauben Sie, halten sich diese so hartnäckig?

Im Medizinstudium wird das Thema Ernährung immer noch stiefmütterlich behandelt, sodass die meisten ÄrztInnen – falls keine entsprechende Weiterbildung auf dem Gebiet erfolgt – über kein fundiertes Wissen (vegane) Ernährung betreffend verfügen. Erkundigt sich z. B. ein/e PatientIn nach einer Eisenquelle in Nahrungsmitteln, empfiehlt ein Großteil der praktizierenden ÄrztInnen Fleisch. Dass aber bestimmte pflanzliche Nahrungsmittel ebenso eisenhaltig sein können, wird dabei selten erwähnt. Natürlich kann das zweiwertige Eisen aus Fleisch im Vergleich zu dreiwertigem Eisen aus pflanzlichen Nahrungsquellen etwas besser vom Körper aufgenommen werden. Mit kleinen Tricks, wie oben bereits erläutert, lässt sich deren Eisenaufnahme jedoch deutlich verbessern und steht einer tierischen Quelle in nichts mehr nach. Zudem sollte es nicht unerwähnt bleiben, dass ÄrztInnen – so wie die meisten Menschen – bestrebt sind, ihre Gewohnheiten zu verteidigen. Es ist für niemandem angenehm, damit konfrontiert zu werden, wenn die eigene gewohnte Ernährungsweise Leid verursacht. Neben unzureichendem ernährungsspezifischen Wissen erklärt dies für mich die oftmals abwehrende Haltung von praktizierenden KollegInnen gegenüber Vegetarismus/Veganismus.

Als Arzt müssen Sie Medikamente verschreiben, die an Tieren getestet wurden. Viele Medikamente enthalten zudem Gelatine oder Laktose. Wie gehen Sie damit um?

Natürlich befindet man sich als Arzt in einem moralischen Zwischenspalt, wenn man hinter Tierschutz steht, andererseits jedoch die Wirksamkeit der meisten Medikamente an Tieren erprobt werden. Dass die Durchführung von Tierversuchen nach wie vor in weitreichendem Ausmaß praktiziert wird, stimmt mich traurig und betroffen. Als Arzt sehe ich es allerdings als meine Pflicht an, meine PatientInnen nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft zu behandeln, was die Orientierung an den gängigen medizinischen Empfehlungen und aktuellen Leitlinien betrifft – auch wenn dies bedeutet, Medikamente zu verordnen, welche in direktem Zusammenhang mit Tierleid stehen. In vielen Situationen ist es jedoch möglich, Medikamente von Pharmafirmen zu verordnen, welche keine Tierversuche durchführen. Dies betrifft z. B. Generika, wofür lediglich Äquivalenzstudien gemacht werden. Des Weiteren gibt es Möglichkeiten der Verordnung gelatine- und laktosefreier Präparate.

Haben Sie Tipps für Menschen, die auf vegan umsteigen wollen?

Personen, die auf vegane Ernährung umstellen wollen, empfehle ich, dieses Vorhaben ohne Druck anzugehen. Zu allererst sollte man sich seiner Motivation für die Ernährungsumstellung bewusst werden (gesundheitliche Gründe, ethische Gründe, ökologische Gründe, etc.) und sich diese laufend vor Augen führen. Information über gesunde vegane Nahrungsmittel können z. B. im Austausch mit bereits vegan lebenden Personen, einschlägigen Internetplattformen sowie über diverse Vereine (z. B. VGÖ, VGT) erhalten werden. Gegebenenfalls ist es auch ratsam, eine/n Ernährungsberater_in oder eine/n mit veganer Ernährung vertrauten Arzt/Ärztin zu konsultieren. Ich empfehle keine komplette Ernährungsumstellung von heute auf morgen. Viel mehr macht es Sinn, zuerst einen veganen Tag in der Woche einzuführen bzw. schrittweise Produkte tierischen Ursprungs mit Produkten aus pflanzlicher Quelle zu ersetzen. Gelegentliche Ausnahmen, in denen tierische Produkte konsumiert werden, sollten nicht zu kritisch betrachtet werden und nicht in Selbstkritik münden. Es ist schon viel gemacht, sich über eine vegetarische/vegane Lebensweise zu informieren und den Fleischkonsum zu reduzieren.