Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin veröffentlicht Stellungnahme zu vegetarischer und veganer Ernährung im Kindes- und Jugendalter | Vegane Gesellschaft Österreich

Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin veröffentlicht Stellungnahme zu vegetarischer und veganer Ernährung im Kindes- und Jugendalter

15.10.2018

Kinder- und Jugendärzt_innen betreuen immer häufiger Familien, die sich vegan ernähren. Mit der Veröffentlichung einer Stellungnahme zu vegetarischen Kostformen im Kindes- und Jugendalter in der Monatsschrift Kinderheilkunde im August 2018 reagiert die Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. V. (DGKJ) auf die stark wachsende Verbreitung der veganen Lebensweise. Enthalten sind klare Empfehlungen, worauf Kinderärzt_innen bei einer pädiatrischen Betreuung veganer Kinder achten sollen, welche Blutuntersuchungen sinnvoll sind und wann eine Nährstoffsupplementierung anzuraten ist.

Sensible Unterstützung gefragt

Dass die Zahl veganer Menschen während der letzten Jahre rapide zugenommen hat, ist offensichtlich: Laut einer aktuellen repräsentativen Studie des Gallup-Instituts leben 1,2 % aller Österreicher_innen vegan. Damit gibt es auch immer mehr vegane Eltern, die ihre Lebensweise an ihre Kinder weitergeben möchten. Viele sind jedoch durch negative Berichterstattungen und ein unsensibles Umfeld verunsichert. Es fehlt meist an professioneller Unterstützung, um die vegane Ernährung bei Schwangeren, Stillenden und Kindern sachgerecht durchzuführen. In diesen besonderen Lebensphasen ist eine adäquate Versorgung mit allen essentiellen Nährstoffen von zentraler Bedeutung. Fehler können sich schnell in Form von Entwicklungsstörungen bemerkbar machen und schwerwiegend sein. Daher ist es enorm wichtig, dass vegane Eltern aus Angst vor negativen Reaktionen die Ernährung ihrer Kinder nicht vor Ärzt_innen verschweigen müssen. Stattdessen sollten letztere feinfühlig und vorurteilsfrei auf die Situation eingehen und fachkundig hinsichtlich notwendiger Nährstoffergänzungen beraten.

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1,2 % der Bevölkerung leben vegan, darunter immer mehr Kinder.

















Gesundheitliche Auswirkungen vegetarischer Kostformen bei Kindern und Jugendlichen

Die Stellungnahme geht zunächst auf die gesundheitlichen Auswirkungen einer vegetarischen und veganen Kinderernährung ein. Bisher gibt es noch wenige Studien mit meist nur wenigen veganen Kindern. Viele Studien wurden zudem nicht in Deutschland oder Österreich durchgeführt und stammen aus den 1980er- und 1990er-Jahren. Damit entsprechen sie nicht den heutigen Ernährungsangeboten und -gewohnheiten. Heute ist das Angebot an Fertigprodukten viel größer, gleichzeitig ist aber auch das Wissen über eine notwendige Supplementierung von Vitamin B12 deutlich angestiegen. Das macht es schwierig, frühere Studien auf heutige Verhältnisse zu übertragen. Hinzu kommen verschiedene Besonderheiten, die häufig mit einer vegetarischen Ernährung in Verbindung stehen, wie etwa ein hoher sozioökonomischer Status und ein hohes Gesundheitsbewusstsein der Eltern. „Angesichts der wachsenden Zahl vegetarisch ernährter Familien und der begrenzten Datenlage sind gute Studien zur Beurteilung der Versorgung von vegetarisch ernährten Kindern in Deutschland erforderlich.“, schlussfolgert die DGKJ, dem wir uns – auch betreffend Österreich – anschließen.

Versorgung mit kritischen Nährstoffen

Ausführlich geht das Konsensuspapier auf die Versorgung mit Nährstoffen ein, die unter Umständen bei vegetarischen Kostformen knapp werden können. Positiv hervorzuheben ist, dass nicht nur Empfehlungen für Nährstoffergänzungen, sondern auch für die gezielte Labordiagnostik gegeben werden. Der Proteinbedarf kann laut Stellungnahme bei veganen Kindern jenseits des Säuglingsalters durch eine Kombination von Vollgetreide und Hülsenfrüchten gedeckt werden. Für das Säuglingsalter und auch darüber hinaus schlägt die DGKJ eine sojabasierte Säuglingsnahrung als zusätzliche Nährstoffquelle vor. Dass vegetarische Kinder häufiger unter einem Eisenmangel leiden, ist laut DGKJ nicht eindeutig. Jod ist für die optimale körperliche und neurologische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen essentiell. Es kann durch angereicherte Lebensmittel wie Brot und jodiertes Speisesalz zugeführt werden. Vitamin B12 muss zwingend bei einer veganen Kinderernährung ergänzt werden. Studien zeigen, dass Kinder gut mit dem Nährstoff versorgt sind, sofern dieser supplementiert wird. Je nach Ausgangslage und Alter empfiehlt die DGKJ 5 – 25 µg Vitamin B12 pro Tag. Zusätzlich ist auf die adäquate Versorgung mit Kalzium, Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren zu achten.

Fazit

Als wissenschaftliche Fachgesellschaft für über 16.000 Kinder- und Jugendärzt_innen hat die DGKJ zum Ziel, die bestmögliche gesundheitliche Versorgung von Kindern und Jugendlichen zu sichern. Mit der Veröffentlichung ihrer Stellungnahme zu vegetarischen Kostformen im Kindes- und Jugendalter schlägt sie den richtigen Weg ein: Sie erkennt, dass es immer mehr vegane Familien gibt, die pädiatrisch betreut werden müssen. Anstatt generell von einer veganen Ernährung abzuraten, geht sie auf die Besonderheiten dieser Kostform ein und erklärt, worauf Kinder- und Jugendärzt_innen im Detail bei ihren Untersuchungen achten sollen. Dies betrifft die Kontrolle der körperlichen Entwicklung ebenso wie auch eine mögliche Blutuntersuchung zur Einschätzung der Nährstoffversorgung. Gegebenenfalls kann auch eine pädiatrisch erfahrene Ernährungsfachkraft einbezogen werden.